Egregantius

Monat: Januar, 2015

Garantierte Expektorationen (XII)

[1] Ich kann nun nicht besonders viel anbieten, aber mein Beispiel habe ich immerhin abzugeben.

[2] Wir hinterlassen weiterhin Eindrücke, auch wenn sich kaum noch jemand von uns beeindrucken lassen will.

[3] Menschen hinter Avataren sind nicht mehr gerne gesehen.

[4] Ich müsste mir auch erst einmal zurechtdenken, was ich im Augenblick gerade wirklich denke.

[5] Was und wer ver-rückt ist, soll also unverrückbar sein? Wenn das Verrückte allerdings zur Norm erklärt würde, wäre es plötzlich vollkommen normal und das, was vorher als normal galt, schlicht und einfach verrückt.

[6] Die es doch nur gut meinen, hätten besser mal etwas gewusst!

[7] Ob Sokrates unseren „Doktoren der Philosophie“ in irgendeiner Weise unterlegen wäre?

[8] Wie viele Bücher ich wohl mittlerweile schon gelesen habe, die sonst von niemandem mehr gelesen werden, oder überhaupt noch nie gelesen wurden?

[9] Selbstsucht kommt in Selfies dann doch noch ganz gut zur Geltung.

[10] Irgendwann wird nichts mehr zu tun sein, weil alles vertan wurde.

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Neue Briefe an Stefan Dehn – 02 – Über das Offensichtliche

Hallo Stefan,

hier nun also die von dir eingeforderte Ant-wort, die im Vergleich zu deinem Brief an mich wieder einmal etwas kürzer ausgefallen ist, dir aber hoffentlich doch den einen oder anderen Anreiz zum weiteren Nachdenken bieten wird!

Mit deinem letzten Brief willst du mich in aller Freundlichkeit dazu ermuntern, das, was mir offensichtlich ist, konkret zu benennen. Du hast sicherlich recht darin, dass das allzu Offensichtliche keineswegs so uninteressant ist, wie es in meinem letzten Brief noch den Anschein hatte, doch leider stellst du mich mit deiner Forderung vor große Schwierigkeiten, denn das Offensichtliche ist offensichtlich so weit verbreitet, dass es mich überwältigen müsste, wenn ich den Versuch unternehmen wollte, mir den Überblick über allzu Offensichtliches zu verschaffen: Denn obwohl das Offensichtliche jederzeit offen zutage liegt, kann ich es kaum einfangen, auch wenn ich mir alle Mühe dazu gebe. Wenn ich alle Dinge, die in meinen Augen offensichtlich sind, benennen wollte, käme ich in große Schwierigkeiten, weil das Offensichtliche sich in seiner grenzenlosen Unverborgenheit geradezu vor mir versteckt und man immer nur Einzelnes, Vereinzeltes aus dem Offensichtlichen herausgreifen kann, wodurch die Offensichtlichkeit allerdings verloren gehen muss, weil dann eben nur ein Einzelnes in den Fokus genommen werden kann. Denn das Offensichtliche ist im Grunde das Ganze in seiner Einsehbarkeit und welcher denkende, undogmatische Mensch könnte von sich behaupten, das Ganze er-, bzw. vollends durchblickt zu haben? Übrigens würde ich sogar so weit gehen, zu behaupten, dass das Offensichtliche sich mit dem deckt, was du „Fremde“ nennen würdest. Denn das Offensichtliche ist wie Fremde zwar da, aber uns eben doch auch fremd, weil wir es in seiner Ganzheit nicht durchblicken können.

Du schreibst in deinem letzten Brief:

„Du meinst eine perfekte Philosophie würde zum Dogma erstarren. Dem muss nicht so sein. Die perfekte Philosophie könnte sich in ihrer Perfektion gerade dadurch auszeichnen, dass sie in so vielen Fragezeichen arbeitet, dass daraus nie ein Dogma entstehen kann.“

Eine perfekte Philosophie würde in meinen Augen nicht nur zum Dogma erstarren, sondern wäre auch keine Philosophie mehr, wie ich es in meinem Brief bereits kurz andeutete. Wenn wir dennoch von einer „perfekten Philosophie“ ausgehen wollten (die in meinen Augen trotzdem immer noch ein Widerspruch in sich ist), müsstest du allerdings auch zugestehen, dass in ihr die von dir angeführten „so vielen Fragezeichen“ festgesetzt wären: An ihnen müsste sich abgearbeitet werden, weil sie vorgeblich zu einem wie auch immer gearteten Erkenntniszuwachs führen sollen. Das erinnert dann allerdings doch schon wieder an eine Lehre von der Philosophie, wie sie Wittgenstein z. B. (zumindest in der Zeit, als er seinen Tractatus logico-philosophicus schrieb) ablehnen würde, um stattdessen die eigenständig-offene Tätigkeit des Philosophierens in den Vordergrund rücken zu wollen.

Ich hoffe, dass du nun nicht enttäuscht bist, dass ich auf so viele Punkte deines letzten Briefes nicht eingegangen bin und mir wieder nur einige wenige Punkte daraus herausgegriffen habe, obwohl ich noch viel mehr hätte schreiben können. Aber in diesem Brief war es mir wichtig, auf das Thema Offensichtlichkeit einmal etwas näher einzugehen und alles andere erst einmal auszublenden, was nicht heißen muss, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt auf andere Themen deines letzten Briefes nicht noch einmal bewusst oder unbewusst Bezug nehmen werde, denn es ließe sich zweifellos noch viel mehr dazu schreiben!

Beste Grüße,
Egregantius

Neue Briefe an Stefan Dehn – 01 – Was ist der Unterschied zwischen einem Denker und einem Philosophen?

Hallo Stefan,

vielen Dank für deinen durchdachten Brief, in dem du dich darum bemüht hast, mir darzulegen, was du an dem Begriff des Philosophen, als auch des Denkers auszusetzen hast, bzw. welche Differenzierungen du vornehmen würdest! Tatsächlich kann ich dir in deinen Ausführungen weitestgehend zustimmen und ich hoffe, dass du es mir nicht übel nehmen wirst, wenn ich nur auf wenige Punkte deines Briefes an dieser Stelle eingehen werde. Wie du weißt, versuche ich mich im Schreiben meist möglichst kurz zu fassen und lasse das, was mir allzu offensichtlich scheint, lieber außen vor, weil ich mir denke, dass manche Ausführungen nicht nur mich, sondern auch den Leser (in diesem Fall also dich) ermüden würden. Zunächst einmal möchte ich zur folgenden Briefpassage etwas schreiben, worin du mich sinngemäß richtig aus einer Antwort von mir zu einem Kommentar auf einen Aphorismus von mir („Eine perfekte Philosophie bedeutete das Ende der Philosophie.“) zitierst:

„Ich hoffe, ich zitiere dich nicht ungerecht, aber du hast sinngemäß einmal geschrieben, du würdest hoffen, es gäbe nie eine perfekte Philosophie. Ich hätte nichts dagegen einzu-wenden, wenn alle Existenzfragen eine belegte Antwort erhalten. Philosophische Reden führen nur der Rede wegen halte nicht für erstrebenswert.“

Eine „perfekte“ (also rundum abgeschlossene) Philosophie (die dann keine mehr wäre, sondern zum Dogma erstarren würde) bedeutete den Tod des Denkens, bzw. ein Ende an der Ausrichtung eines lebendigen Philosophierens, das aus einer Liebe zur Weisheit heraus gedacht wurde und wird (weil das dem Wortsinn nach „Philosophie“ zu bedeuten hat). Das war wohl seit der Antike auch der ursprünglichste Beweggrund, den man zumindest benannt hat (und benennen konnte/wollte), wenn man von sich behauptete, Philosoph zu sein und auf den man sich seit der Entstehung des Begriffs bis heute noch einigen kann, ohne dass man befürchten muss, auf Unverständnis oder große Gegenrede zu stoßen. Es ist also richtig, wenn du sagst, dass im Begriff sowohl Weisheit, als auch ein Gefühl, bzw. eine wie auch immer geartete ideale Verbindung, die in einem Streben nach Weisheit ihren Ausdruck findet („Liebe“), vorausgesetzt wird. „Denkender“ ist da offener, wenn auch nicht voraussetzungslos, wie du ja selbst auch festgestellt hast („Letztlich ist auch die Bezeichnung Denker noch sehr anfällig, schließlich suggeriert sie reine Geistigkeit, während der ganze Körper in seiner Triebwucht das Denken (mit-)steuert.“) und bietet die Möglichkeit, der Philosophie auf einer Metaebene begegnen zu können, also eben auch anzuzweifeln und in Frage zu stellen, ob Weisheit überhaupt möglich ist, bzw. die Philosophie grundlegend zu hinterfragen. Auch ich halte philosophisches Reden nur der Rede wegen nicht für erstrebenswert. Allerdings ist die Rede, bzw. das Schreiben, die einzige Ausdrucksmöglichkeit, die Denkenden bleibt, um sich über grundlegende Fragen überhaupt miteinander verständigen zu können, wenn sie sich denn verständigen wollen (man kann ja auch schweigen und seine eigene Privatphilosophie ohne Entäußerungsversuche betreiben). Insofern kann man es einem Denker oder Philosophen nicht zum Vorwurf machen, dass er sich nur auf scheinbar sinnloses Reden, Schreiben oder Disputieren versteht und letztendlich ja doch nichts am Weltlauf ändern kann, obwohl ja gerade im vergangenen Jahrhundert die Philosophie für tatkräftigere Zwecke immer wieder gerne von Herrschenden und Revoltierenden in Anspruch genommen wurde (und immer noch in Anspruch genommen wird), auch wenn wir glücklicherweise (!) wohl niemals dazu in der Lage sein werden, das ganze Universum (bzw. die Multiversen) an uns reißen zu können, um über es (bzw. sie) die ultimative Verfügungsgewalt zu gewinnen, wo wir doch schon jetzt um unseren fragilen Planeten Erde aus den unterschiedlichsten Gründen bangen müssen.

Da wir beide uns denkend austauschen, besteht zumindest kein Zweifel darüber, dass wir Wertsetzungen vornehmen und im gegenseitigen Austausch für den anderen und uns selbst in diesem Fall Tipperzeugnisse hervorbringen, die wir für bedenkenswert halten, weil wir sie mit Sicherheit nicht vorbringen würden, wenn wir nicht den Willen dazu in uns verspürten, uns zu verständigen und manche Dinge vielleicht sogar etwas klarer in den Blick zu bekommen, obwohl wir das Ganze nicht durchblicken können und immer auch an unsere „Körperbeschaffungsvorgaben“ (um deinen anschaulichen Begriff zu verwenden) gefesselt sind. Rein theoretisch könnten wir uns ja auch sinnentleerte Sätze vorwerfen, oder uns gegenseitig „trollen“, weil wir nichts Besseres zu tun haben wollen. Aber wir glauben dann eben doch daran, dass ein denkerischer Austausch per Brief sinnhafter als bloßes Nichtstun ist, obwohl wir unter dem Blickpunkt der Ewigkeit nichts tun, was irgendwie von Belang wäre, weil unser Körper uns früher oder später unter der Hand entweichen wird und wir nicht annehmen müssen, dass es eine körpereigene Seele gibt, die sich irgendwohin hinüberretten könnte.

Beste Grüße,
Egregantius