Egregantius

Monat: Dezember, 2014

Wider den Kanon in der Philosophie

Das stärkste Argument gegen die an Universitäten übliche Ausrichtung an kanonisch gewordenen Werken der Philosophie scheint mir in der maßgebend-teleologischen Immanenz der kanonischen Sammlung zu liegen: Denn im Denken sollte es doch zunächst einmal darum gehen, etwas Eigenständiges hervorzubringen, was zuvor möglicherweise vollkommen ungedacht war. Darum geht es auch oft nicht gut aus, wenn ein neu aufstrebender Denker an einer Universität vorzeitig dazu angehalten wird, nach eingehendem Studium und Lektüre mit ständigen Rückverweisen, Bezugnahmen und Fußnoten zu Fußnoten zu Platon et. al. in Hausarbeiten sein ihm innewohnendes loderndes Feuer langsam aber sicher abzutreten und nicht mehr weiter aus sich heraus fortglimmen zu lassen, weil die Großen Denker und deren kongeniale Übersetzer und Interpreten ja doch mehr Ahnung von der Materie haben müssen, sodass unser vormals aussichtsreicher, eigenständiger Denker am Ende möglicherweise sogar so weit von sich weg entrückt wurde, dass er den Anfangspunkt seines Denkens mit aus seiner Art geschlagenen, von ihm losgelösten Kontexten vollständig zugeschüttet sieht und überhaupt nichts Eigenes mehr aus sich heraus zu ergreifen weiß, ohne vorher sicherheitshalber seinen Aristoteles oder Kant zu Rate zu ziehen, denn man könnte als Nachwuchs-Philosoph ja irrigerweise etwas falsches von sich geben…

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Garantierte Expektorationen (XI)

[1] Was ich in mir zaghaft vernehme, nehme ich mir noch lange nicht händereibend heraus.

[2] Wenn alles gut läuft, liege ich wahrscheinlich noch ein halbes Jahrhundert lang im Sterben.

[3] Ein Versehen wird niemals abzusehen sein.

[4] Wer zu viel weiß, wird vollkommen ahnungslos sein.

[5] Ich habe nie das Geringe tun wollen, das erforderlich wäre, um einer Masse an Menschen genügen zu können.

[6] Was einmal groß gedacht wurde, will man sich heute viel zu leicht machen.

[7] Ich rücke mich nicht erst in den Vordergrund, um vor einem Abgrund stehen zu müssen.

[8] Eine perfekte Philosophie bedeutete das Ende der Philosophie.

[9] Nach reiflicher Überlegung werden überreife Früchte ungern geerntet.

[10] Dass man nicht mehr ganz bei Trost ist, kann durchaus ein Trostgrund sein.

Ausgewählte Aphorismen aus Tradierte Aberrationen [2014]

Der von mir in diesem Jahr veröffentlichte Aphorismenband Tradierte Aberrationen geht mir in vielerlei Hinsicht noch sehr nahe und ist mir noch nicht fremd genug geworden, als dass ich ein halbwegs objektives Urteil über ihn fällen könnte. Was ich allerdings zweifelsfrei sagen kann, ist, dass dieser Band offener als alle vorangegangenen Veröffentlichungen gehalten ist, weil er zum einen zwar wieder sehr eindringlich-introspektive Aphorismen enthält, aber andererseits auch explizit auf den offenherzigen Austausch mit anderen Denkern wie Stefan Dehn, Karsten Zamzow und Philip Ohnruh verweist. Der Verweis auf Mitdenkende, die dazu bereit wären, mich ein Weile auf meinem Denkweg als Mitwandernde zu begleiten – der im letzten Eintrag des vorangegangenen Aphorismenbands Entgrenzte Grauzonen (Wohin führt das Denken?) beschrieben war und zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur meine Sehnsucht und Suche nach Mitdenkenden darstellte – fand sich in Tradierte Aberrationen tatsächlich verwirklicht. Der Austausch mit anderen Denkern der Gegenwart hat mir definitiv dazu verholfen, an Blickweite zu gewinnen, weil ich andere Perspektiven kennenlernen konnte. Für die Zukunft habe ich mir jedenfalls vorgenommen, den Denkaustausch mit philosophisch Interessierten weiter zu intensivieren. Nicht umsonst lässt sich in Tradierte Aberrationen vor dem Twitter-Dialog mit Philip Ohnruh auch der folgende Tweet von Gregor Brand finden: Die platonischen Dialoge – war das nicht auch eine Art Chatten?

Ausgewählte Aphorismen aus Tradierte Aberrationen

Ausgewählte Aphorismen aus Segregierende Egregationen [2011]

Mit meinem 2. Aphorismenband, dem Nonseller Segregierende Egregationen hatte ich den (vergeblichen) Versuch unternommen, mich selbst zu überheben. Einerseits ging es mir bei diesem Buch darum, die formgegebene Schärfe des Aphorismus bis an seine Grenzen auszureizen, andererseits sollte der Band künstlerisch anspruchsvoller als der vorangegangene Aphorismenband ausfallen. Zu diesem Zweck kam ich zum ersten Mal auf die Idee, einige farbige Fotografien und Malereien (von den befreundeten Künstlern Wilfried Kähler und Ruben Schmitt) in den Band aufzunehmen, was auch der Grund dafür ist, dass dieser Band mit 8,50€ etwas teurer als die anderen von mir veröffentlichten Aphorismenbände zum Verkauf angeboten wird (in den nachfolgenden Bänden lassen sich zwar auch Fotografien finden, aber nur noch in Schwarz/Weiß, um die Buchkosten so niedrig wie möglich zu halten). Ein weiteres Novum stellten in diesem Band die Lyrikfragmente dar, die seitdem auch in den nachfolgenden Veröffentlichungen immer wieder vereinzelt in den Skizzen aufgetaucht sind. In der Rückschau denke ich, dass mein 2. Aphorismenband wohl tatsächlich der Wegweisendste für mich war, weil er mir zum einen aufgezeigt hat, was im Rahmen des Aphorismus möglich ist und mir zum anderen zeigte, dass mein Versuch der künstlerisch-philosophischen Verwirklichung in diesem Band nur bedingt gelingen konnte, dass ich mit diesem Buch also an meinen eigenen Ansprüchen scheitern musste, aber dieses Scheitern absolut notwendig war, weil es mir Aufschluss über mich selbst und mein weiteres schriftstellerisches Vorgehen geben konnte.

Ausgewählte Aphorismen aus Segregierende Egregationen