Egregantius

Monat: Oktober, 2014

Garantierte Expektorationen (VIII)

[1] Ich denke, also wird nicht an mich gedacht.

[2] Wenn es um Geschwätz geht, fehlen mir die Worte.

[3] Wer nicht weiß, was zu tun ist, übt sich gerne im Getue.

[4] Die richtigen Worte wurden wohl von Ausdrucksweisen zur Welt gebracht.

[5] Viele von uns werden zu spät gefragt sein.

[6] Ein guter Philosoph ist zwar immer ratlos, aber er weiß seine Ratlosigkeit sehr genau zu umreißen.

[7] Der ist wie geschaffen zum Kulturschaffenden, wer von der Unkultur der Zeit geschafft ist.

[8] Wer sich nicht sammelt, wird sich nur zerstreuen wollen, kann also niemals fündig werden.

[9] Das Herz wird einen irgendwann noch entzwei schlagen.

[10] Die Angst nahm mir alle meine Ängste, um sich ganz auf mich einlassen zu können.

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Garantierte Expektorationen (VII)

[1] Ich bin immerhin so frei, mir meine Unfreiheit zuzugestehen.

[2] Ein Mensch steht sich fassungslos gegenüber, wenn er sich darüber bewusst wird, dass er konkret werden musste, um aus der Fassung geraten zu können.

[3] Wenn es mir zu gut geht, kann ich mich hautnah gar nicht miterleben.

[4] Für das Wesentliche sind vorausahnende Sensibilisierungsmaßnahmen erforderlich.

[5] Man denkt sich aus der Unentwirrbarkeit heraus, nur um sich noch gemütlicher in ihr einleben zu können.

[6] Ein Ding, das von mir beschrieben wurde, damit ich es für mich fassbar machen kann, soll niemals nur in meinem Sinne aufzufassen sein!

[7] Wer etwas auf alle Fälle durchstehen will, hat sich wohl an Vogelscheuchen ein Beispiel genommen.

[8] Wenn es auch kein richtiges Leben im falschen geben sollte, wäre doch ein richtiges Sterben im falschen zumindest denkbar?

[9] Alles sozial Gemeinte kann im Kontext des Sozialen Netzwerks nicht mehr sozial wirken.

[10] Immer dann, wenn von „sozialen Kompetenzen“ die Rede ist, verspürt ein Mensch mit gesundem Menschenverstand das Bedürfnis, seinen asozialen Instinkt hervorzukehren.

Über die Wahl der Lektüre

Ich habe heute einen anregenden Twitter-Chat mit einem Freund der Literatur geführt. Im Verlaufe unseres Chats hat er mir einige interessante Fragen gestellt, darunter auch die folgende:

Verrate mir eins: Wie steigerst du dein Lesepensum?

Diese Frage stellte er mir, weil er den Eindruck hat, dass ich „sehr viel und häufig“ lese. Da es vielleicht den einen oder anderen treuen Blogleser interessieren könnte, möchte ich meine Antwort auf diese Frage an dieser Stelle gerne in aller Ausführlichkeit wiedergeben:

Ich denke, dass es nicht darauf ankommt, möglichst viel zu lesen, sondern das zu lesen, was einem selbst auch etwas eingeben kann. Mit der Zeit habe ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, welche Autoren und Bücher mir in gewissen Zuständen der Gestimmtheit förderlich sind. Es ist so, dass manche Bücher einem nichts nützen, wenn man sie nicht zum rechten Zeitpunkt liest. Um für sich herauszufinden, ob man den Bezug zu einer Literatur herstellen kann, muss man natürlich zunächst einmal die Augen für möglichst viele charakteristische Autoren und Bücher offenhalten und sich aus selektiver Lektüre einen Geschmack für die Literatur erarbeiten. Dazu ist es hilfreich, sich an Kanons oder Literaturlisten zu orientieren und erst einmal das zu lesen, was gemeinhin als große Literatur angesehen wird. Alles andere wäre Zeitverschwendung. Mit der Zeit entwickelt man seine Vorlieben, entdeckt Lieblingsautoren, wagt den Blick über den Tellerrand hinaus – und macht so seine Entdeckungen. Norbert Bolz hat in seinem Buch Das richtige Leben gute Worte dafür gefunden, inwieweit wir einen Kanon der Literatur für uns nutzbar machen können: „Der Kanon ist eine Leiter, die man wegwerfen kann, nachdem man sie erklommen hat, aber eben auch erst wegwerfen sollte, wenn man hinaufgestiegen ist.“ Steige also hinauf, und du wirst sehen, wohin dein Blick ausschweifen wird! Denn die Literatur ist nicht dazu da, um an dich herangetragen und als ein Pensum von dir abgearbeitet zu werden, damit du irgendwann gebildet bist (oder es auch nur zu sein scheinst). Es sollte dir in deinem eigenen Interesse vielmehr darum zu tun sein, mit den Jahren die Autoren und Bücher herauszufinden, die dir immer wieder etwas Neues eingeben können, weil sie dir gemäß sind und das zum Ausdruck zu bringen vermögen, was dir wichtig ist.

Über Selbstausbeutung im Neoliberalismus (Grundgedanken zu einigen Thesen Byung-Chul Hans)

In unserer gegenwärtigen Gesellschaftsform sind wir zur Selbstausbeutung ohne feudalen Zwingherrn verdammt. Die Idee der „Selbstverwirklichung“ wurde zur Forderung, zum Imperativ erhoben und in raffinierter Weise mit dem Glück und dem Versprechen verknüpft, dass man ebenjenes finden wird, wenn man sich auf Dauer nur gut genug in eine funktional orientierte, glattpolierte Gesellschaft einzuschmiegen weiß. Uns wird vermittelt, dass es die Freiheit gibt, aber wir sollen uns zur Freiheit zwingen, indem wir z. B. schon als Jugendliche selbstverständlich den bestmöglichen Schulabschluss anvisieren, danach auch noch mit festem Berufsziel vor Augen etwas Ordentliches studieren und uns in vielerlei Hinsicht fortlaufend optimieren (Erwerb von sozialen Kompetenzen, Fortbildungen, Umschulungen, etc.), um am Ende nicht als funktionslose, geächtete „Versager“ der Gesellschaft dastehen zu müssen. Im Zeitalter des Neoliberalismus kann kaum mehr das Gefühl der Gemeinschaft aufkommen, weil wir zum rückhaltlosen Egoismus gezwungen sind und für unser Glück zu sorgen haben, indem wir das tun, was die Gesellschaft von uns verlangt, bzw. wozu sie uns jahrelang zu unserem Wohle konditioniert hat. Wer sich dagegen auflehnt, kann dies gerne tun, aber er wird auf taube Ohren stoßen, weil alle anderen in ständiger Selbstausbeutung viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sein müssen, um sich fortlaufend verdingbar zu machen und Vorsorge für ihre Renten treffen zu können.

Über Soziale Netzwerke

Ein soziales Netzwerk animiert einen neuen User nach Akzeptierung aller AGBs, die unter anderem die freiwillige Abtretung der meisten Persönlichkeitsrechte an das Soziale Netzwerk zum Inhalt haben, zunächst zur wahrheitsgemäßen Erstellung und möglichst vollständigen Ausfüllung eines digitalen Profils, damit der neue User schon bald von all seinen „Freunden“ und Bekannten über das Soziale Netzwerk gefunden wird und von nun an rund um die Uhr von Freunden, Bekannten und der Polizei überwacht werden kann. Nach erfolgreicher Erstellung seines Profils wird der User vom Sozialen Netzwerk freundlich, aber bestimmt auf die absolute Notwendigkeit einer fortlaufenden Profilpflege hingewiesen und zur regelmäßigen Verbreitung und Erstellung von persönlichem „Content“ durch das Netzwerk erzogen, damit die Werbeindustrie auch mit ihm zufrieden sein darf. Nach erfolgreicher Konditionierung durch das Netzwerk (Ich habe etwas erlebt, also müssen es sofort alle meine 1.000 Freunde wissen, liken und teilen!) werden fortlaufende Aktualisierungen und das Erstellen neuen Contents zum unhinterfragten Usus des Users. Im Laufe der nächsten Jahre wird er vollkommen mit seinen allerintimsten Geheimnissen, die er nie jemandem erzählen würde (die glücklicherweise nur durch die Chats mit seinen Freunden über das Soziale Netzwerk für immer auf unbekannten externen Servern sorgsam konserviert wurden!) in ein Soziales Netzwerk ein- und aufgehen, ohne auch nur einen Augenblick einen Gedanken daran zu verschwenden, dass er außerhalb des Sozialen Netzwerks auch noch über eine reale Existenz verfügt, die sich auf Dauer nicht archivieren lassen wird (auch nicht in HD!).

Über religiöse Gefühle

Da ich von „religiösen Gefühlen“ nichts weiß und mir auch noch nie etwas darunter vorstellen konnte, kann mich theoretisch auch nicht der (noch nie explizit geäußerte) Vorwurf treffen, dass ich „religiöse Gefühle“ in irgendeiner Weise „verletzen“ würde, nur weil ich keinen Wert auf sie lege. Denn ich kann gemäß meiner Natur mit Gefühl nur auf Gefühle Rücksicht nehmen, die mir selbst geläufig sind, die ich also rational nachvollziehen und bewerten kann. Auf mir unverständliche Gefühle kann ich nur mit Unverständnis und Achselzucken (Laissez-faire) reagieren. Wenn in solcher Weise Betroffene mir von ihren „religiösen Gefühlen“ oder Erlebnissen mit Gott oder dem Gottessohn berichten, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diese intimen Eingeständnisse zur Kenntnis zu nehmen und im weiteren Umgang nicht weiter an den Gefühlen zu rühren, um von vorneherein der Gefahr zu entgehen, mir unbegreiflichen „religiösen Gefühlen“ zu nahe zu treten, für die ich bis zum heutigen Tag zu meinem Glück oder Unglück kein echtes Verständnis aufbringen kann.

Garantierte Expektorationen (VI)

[1] Ich war jung und brauchte meine Welt.

[2] So mancher Schriftsteller geriete außer Fassung, wenn er heute die kritische Fassung seiner Werke zu Gesicht bekäme.

[3] Es war nicht sehr nett von eurem Gott, nun gerade mich zur Welt zu bringen.

[4] Wer unglücklich ist, kann von Glück reden, damit er es auch bleibt.

[5] Man richtet sein Streben am bereits vorgefassten Glücksbegriff aus, statt das Glück für sich überhaupt erst fassbar zu machen.

[6] Ich muss mich immer wieder selbst verausgaben, weil kein Mensch mir etwas Sinnvolles eingeben kann.

[7] Die Leibeigenschaft des Philosophen sollte unverkennbar sein.

[8] Ein Mensch kann nur ewig leben, wenn er dies in seiner Gegenwart tut.

[9] Will ich denn überhaupt wollen können, dass jeder Idiot in moralischen Fragen so wie ich handeln sollte?

[10] Edel sei der Mensch und hilfreich in seiner nie enden wollenden Wut!