Über Umsicht und Rücksicht

Vor einiger Zeit hat @pr1miTiv3 eine bemerkenswerte These aufgestellt, über die ich an dieser Stelle gerne einige Wort verlieren möchte, sie lautet folgendermaßen:

„Umsicht ist wichtiger als Rücksicht.“

Tatsächlich hat Umsicht allein schon dem Wortsinn nach mehr im Blick als bloße Rücksicht: Denn der Umsichtige wägt nicht nur vorsichtig und bedachtsam alle möglichen Folgen seiner Handlungen ab, sondern er hat auch per definitionem einen viel größeren Handlungsspielraum als der allein Rücksichtsvolle, der durch die Umstände vorbelastet ist, weil sein Handeln sich vollkommen nach einer außenliegenden Befindlichkeit, die an ihn herangetragen wird und immer mit einer Erwartungshaltung verknüpft ist, zu richten hat und er also nicht aus sich selbst heraus nach Abwägung aller Handlungsoptionen entscheiden kann, was er tun soll, weil von ihm von vorneherein ein gewisses Verständnis und Mitgefühl für die Situation eines oder mehrerer Menschen[1] vorausgesetzt wird, man von ihm also letztendlich verlangt, dass er auf eine gewisse Schwäche oder Unbeholfenheit Rücksicht nehmen muss.

Die gewährte Rücksicht[2] schwächt also den Entscheidungsträger, weil sie ihn in seinen Handlungsoptionen auf die Belange eines Faktors[3] einschränkt, auf den er reagieren soll und muss, um zumindest pflichtgemäß (wenn auch nicht aus Pflicht) zu handeln.

Wir sehen also, dass der Rücksichtige eben dadurch, dass er auf eine bestimmte Situation reagiert, aus einer passiven Rolle heraus handelt und ihm also im Ausführen seiner Handlung kein umsichtiger Blick gegeben ist, der eben nicht nur auf die Belange anderer fokussiert wäre, sondern ihm auch in einer gegenwärtigen Ausgangslage einen freieren und unverstellten Weitblick in alle Richtungen erlauben würde.

Die Rücksicht kann also auch in der Umsicht ihren Platz haben (ohne diesen damit vollkommen auszufüllen), wohingegen die Rücksicht nie ein ausreichendes Maß an Umsicht gewähren kann.


[1] Denkbar ist auch die Rücksicht auf Tiere, Gruppen von Menschen und kommende Generationen.

[2] die wir Rücksichtnahme nennen wollen

[3] vielleicht auch mehrerer Faktoren

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