Neue Briefe an Stefan Dehn – 02 – Über das Offensichtliche

von Egregantius

Hallo Stefan,

hier nun also die von dir eingeforderte Ant-wort, die im Vergleich zu deinem Brief an mich wieder einmal etwas kürzer ausgefallen ist, dir aber hoffentlich doch den einen oder anderen Anreiz zum weiteren Nachdenken bieten wird!

Mit deinem letzten Brief willst du mich in aller Freundlichkeit dazu ermuntern, das, was mir offensichtlich ist, konkret zu benennen. Du hast sicherlich recht darin, dass das allzu Offensichtliche keineswegs so uninteressant ist, wie es in meinem letzten Brief noch den Anschein hatte, doch leider stellst du mich mit deiner Forderung vor große Schwierigkeiten, denn das Offensichtliche ist offensichtlich so weit verbreitet, dass es mich überwältigen müsste, wenn ich den Versuch unternehmen wollte, mir den Überblick über allzu Offensichtliches zu verschaffen: Denn obwohl das Offensichtliche jederzeit offen zutage liegt, kann ich es kaum einfangen, auch wenn ich mir alle Mühe dazu gebe. Wenn ich alle Dinge, die in meinen Augen offensichtlich sind, benennen wollte, käme ich in große Schwierigkeiten, weil das Offensichtliche sich in seiner grenzenlosen Unverborgenheit geradezu vor mir versteckt und man immer nur Einzelnes, Vereinzeltes aus dem Offensichtlichen herausgreifen kann, wodurch die Offensichtlichkeit allerdings verloren gehen muss, weil dann eben nur ein Einzelnes in den Fokus genommen werden kann. Denn das Offensichtliche ist im Grunde das Ganze in seiner Einsehbarkeit und welcher denkende, undogmatische Mensch könnte von sich behaupten, das Ganze er-, bzw. vollends durchblickt zu haben? Übrigens würde ich sogar so weit gehen, zu behaupten, dass das Offensichtliche sich mit dem deckt, was du „Fremde“ nennen würdest. Denn das Offensichtliche ist wie Fremde zwar da, aber uns eben doch auch fremd, weil wir es in seiner Ganzheit nicht durchblicken können.

Du schreibst in deinem letzten Brief:

„Du meinst eine perfekte Philosophie würde zum Dogma erstarren. Dem muss nicht so sein. Die perfekte Philosophie könnte sich in ihrer Perfektion gerade dadurch auszeichnen, dass sie in so vielen Fragezeichen arbeitet, dass daraus nie ein Dogma entstehen kann.“

Eine perfekte Philosophie würde in meinen Augen nicht nur zum Dogma erstarren, sondern wäre auch keine Philosophie mehr, wie ich es in meinem Brief bereits kurz andeutete. Wenn wir dennoch von einer „perfekten Philosophie“ ausgehen wollten (die in meinen Augen trotzdem immer noch ein Widerspruch in sich ist), müsstest du allerdings auch zugestehen, dass in ihr die von dir angeführten „so vielen Fragezeichen“ festgesetzt wären: An ihnen müsste sich abgearbeitet werden, weil sie vorgeblich zu einem wie auch immer gearteten Erkenntniszuwachs führen sollen. Das erinnert dann allerdings doch schon wieder an eine Lehre von der Philosophie, wie sie Wittgenstein z. B. (zumindest in der Zeit, als er seinen Tractatus logico-philosophicus schrieb) ablehnen würde, um stattdessen die eigenständig-offene Tätigkeit des Philosophierens in den Vordergrund rücken zu wollen.

Ich hoffe, dass du nun nicht enttäuscht bist, dass ich auf so viele Punkte deines letzten Briefes nicht eingegangen bin und mir wieder nur einige wenige Punkte daraus herausgegriffen habe, obwohl ich noch viel mehr hätte schreiben können. Aber in diesem Brief war es mir wichtig, auf das Thema Offensichtlichkeit einmal etwas näher einzugehen und alles andere erst einmal auszublenden, was nicht heißen muss, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt auf andere Themen deines letzten Briefes nicht noch einmal bewusst oder unbewusst Bezug nehmen werde, denn es ließe sich zweifellos noch viel mehr dazu schreiben!

Beste Grüße,
Egregantius

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