Egregantius

Monat: Januar, 2013

Über subjektives Zeitempfinden

Ich hatte vor einigen Monaten eine interessante Passage in Giacomo Leopardis Gedankenbuch entdeckt, in der es darum geht, wie verfließende Zeit subjektiv in Gegenwart und Zukunft empfunden werden kann. Auch in der Rückschau kann ich von dieser Passage glücklicherweise immer noch behaupten, dass sie – zumindest in meinem Fall – eine bereichernde Zeitfüllung war, die mich als solche in einer vertieften, zeitvergessenen Versunkenheit erreichen und sich sogar maßgeblich in meinem Denken festsetzen konnte. Gut, dass die Passage mich überhaupt erreichen konnte, war möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass ich mir über die Problematik auch zuvor bereits Gedanken gemacht hatte, aber dass sie mich auch jetzt noch gedanklich beschäftigt, zeigt mir erst, wie wichtig es für mich sein muss, sie noch einmal neu zu überdenken! Nun, da ich die angesprochene Passage in den höchsten Tönen gelobt habe, muss ich sie natürlich auch hier vollständig zitieren, damit der Leser sich selbst ein Bild davon machen und meinen Gedankengang – der sich daran anschließen wird – auch nachvollziehen kann:

Man sagt, daß Eintönigkeit die Tage länger erscheinen lasse. Das trifft zu, wenn man die Teilstücke der Zeit einzeln für sich nimmt. Doch für das Ganze gilt das genaue Gegenteil, denn ein Tag voller Abwechslung wird uns, so kurz er auch sein mag, sehr lang erscheinen, ja, oft werden wir unwillkürlich glauben, was wir heute getan, erlebt und gesehen hätten, gehöre zum gestrigen oder vorgestrigen Tage; denn die Vielfalt der Dinge erweitert in unserem Gedächtnis den Raum, und mit der größeren Zahl der Ereignisse scheint auch die Zeit zu wachsen. In einem ganz einförmigen Leben dagegen kann es leicht vorkommen (und ist es mir vorgekommen), daß wir das gestern oder vorgestern Geschehene auf den heutigen oder das weiter Zurückliegende auf den gestrigen Tag schieben. Und dies aus dem entgegengesetzten Grund, weil nämlich die Einförmigkeit die Entfernung kleiner erscheinen läßt. So verlängert Eintönigkeit das Leben insofern, als die Länge qualvoll ist, und kürzt es insofern ab, als die Länge erfreulich und wünschenswert ist; und ein Leben, das wir ohne Abwechslung verbrachten, erscheint uns als kurzer Augenblick, wenn wir sein Ende erreicht haben. (Auswahl und Übersetzung von Hanno Helbing, mit einem Nachwort von Alice Vollenweider, Winkler Verlag München 1985, S. 117f.)

Von der Langeweile (der angesprochenen Eintönigkeit) bleibt also in der Rückschau fast nichts im Gedächtnis haften, obwohl sie in der Gegenwart meist lang und qualvoll empfunden wird. Wenn die Zeit dagegen dauerhaft mit möglichst vielen, verschiedenen Dingen – durchaus kurzweilig – zugebracht wird, vergeht sie wie im Flug und wird zudem gegenwärtig kaum empfunden, wir haben also in jenen Augenblicken kein Verständnis für den Zeitfluss und ordnen Begebenheiten möglicherweise sogar falsch ein, wenn wir den Versuch unternehmen, uns über die bislang verstrichene Zeit Gedanken zu machen. Dabei werden wir möglicherweise bereits am Tagesende (vielleicht auch erst nach ein paar Tagen, aber wir werden zwangsläufig) – feststellen, dass wir die Zeit tatsächlich mit identitätsstiftendem Inhalt angefüllt haben, der unsere Persönlichkeit formen und beeinflussen kann: Es war mir wichtig, diese offenkundige Paradoxie des subjektiven Zeitempfindens hier noch einmal zu verdeutlichen.

Über den Tod

Cicero zitiert in den Gesprächen in Tusculum lange vor Ludwig Wittgenstein, der ja unter anderem mit dem Satz „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“ bekannt geworden ist, Epicharm mit den Worten „Sterben möchte ich nicht, doch Totsein betrifft mich ja gar nicht.“[1] Epicharm hatte also bereits erkannt, was vom Tod zu halten ist – nicht allzu viel –, denn tatsächlich ist der Tod völlig losgelöst, ja in seiner abgeschotteten Ignoranz geradezu vollständig emanzipiert von mir und kann mich darum auch zwangsläufig gar nichts angehen. Das ist beim Sterben anders, denn dieses wird realiter als Prozess durchlebt und kann darum durchaus mit großen Schmerzen verbunden sein, aber mit dem Tod, der in seiner skurril anmutenden Endgültigkeit naturgemäß vollkommen schmerz- und empfindungslos sein muss, weil er selbst als Spitze nicht erlebt wird, ist das Sterben nicht gleichzusetzen. Doch wie ist das eigentlich mit Menschen, die den Leiden des möglicherweise qualvollen Sterbens durch einen rechtzeitigen und bewusst gewählten Freitod vorbeugen wollen; wenn sich also z. B. ein sterbenskranker Mensch dazu entschließt, den Tod dem Leben vorzuziehen, was kann ein solcher Mensch sich von seinem Freitod versprechen? Mal abgesehen von der sofortigen Eindämmung aller vorhandenen Schmerzen[2] nicht allzu viel, denn auch wenn er sich bewusst dazu entscheidet, diesen Schritt zu gehen, befreit ihn das zwar vom Leben, aber es macht ihn nicht frei für etwas anderes, was sich darüber hinaus denken lässt: Er verliert mit sofortiger Wirkung die Kontrolle über sein Leben und es bleibt ihm – zumindest dann, wenn er hoffnungsfrei realistisch bleibt – ein Nichts, das keine Grenzen kennt, aber darum auch vollkommen bedeutungslos ist, weil es eben Nichts ist, in das er eingehend aufgeht und damit für immer verschwindet. Von meiner Freiheit, die ja zumindest potenziell zwischen Freizeit und Freitod oszilliert – wie es Michael Richter in einem glänzenden Aphorismus[3] zum Ausdruck bringt –, bleibt mir also letzten Endes nur die Gewissheit, „dem Tod den Vorzug vor den Nachzüglern“[4] gegeben zu haben, was immer ein überaus schwacher und hinfälliger Trost bleiben muss.


[1] emori nolo, sed me esse mortuum nihil aestimo [1, 8, 15]

[2] Was im Übrigen auch schon ein hohes Gut sein kann!

[3] „Freiheit oszilliert zwischen Freizeit und Freitod.“ (Wortschatz, [2007], S. 43)

[4] um mich selbst einmal zu zitieren (Segregierende Egregationen, [2011], S. 29)