Egregantius

Monat: Oktober, 2012

Über die Todesstrafe

Vorbemerkung: Ich bin ein Gegner der Todesstrafe, habe mir aber in diesem Blogeintrag einmal Gedanken darüber gemacht, was die Todesstrafe an sich überhaupt für den zweifelsfrei schuldigen Täter (im Hinterkopf habe ich dabei einen Mörder) zu bedeuten hat und welche Konsequenzen sich daraus für ihn ergeben.

Alle Straftaten, die diesen Namen verdienen, werden im Vollzug einer entsprechenden Strafbehandlung nachhaltig verbüßt, mit Ausnahme der Todesstrafe durch gesetzlich legitimierten Urteilsspruch: Diese soll vorzeitig auf ein nicht beeinflussbares, vorherbestimmtes, gerichtetes Ende hin vorgebüßt werden und stellt damit eine Bestrafungsart dar, die dem Straftäter das Verarbeiten seiner Tat in dem vollem Umfang seiner Lebenserwartung gewaltsam abspricht und daher ein Fertigwerden mit der auf sich geladenen Schuld für ihn zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich macht. Aber vielleicht soll ja gerade das der Sinn und Zweck der Todesstrafe sein, dass der damit Bestrafte zwangsweise mit sich für immer im Unreinen bleiben und unerträgliche Qualen leiden soll? Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob man mit einem verübten Mord zeitlebens überhaupt fertigwerden kann? Ich will nicht zynisch klingen, aber wenn ein Täter mit seiner Tat a priori nicht fertigwerden kann, dann ist die Todesstrafe ja vielleicht sogar in dem Sinne hilfreich, dass sie einen konsequenten Ausweg aus diesem für immer zerstörten Leben vorschreibt und diktiert (denn der Mörder, der sich seines Mordes vollkommen bewusst geworden ist, hat nicht nur das Leben seines Opfers auf dem Gewissen!). Kann der Täter sich dann willig in sein Schicksal ergeben und einer Nietzscheanischen Amor Fati-Haltung gemäß seinem Tod entgegengehen? Könnte er vielleicht sogar glauben, dass seine Tat gottgewollt und absolut notwendig war, um das Menschengeschlecht in moralischer Hinsicht voranzubringen? Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass Briefe und letzte Worte von zum Tode verurteilten Mördern, was diese Fragen angeht, sehr aufschlussreich sein könnten.

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Über die gegenwärtige Aufklärung

Michael Richter hat in seiner im Jahre 2007 erschienenen kleinen, aber feinen Aphorismensammlung Wortschatz den folgenden Aphorismus geprägt:

„Die Jugend von heute ist abgeklärt, ehe sie aufgeklärt wurde.“

Dieser Aphorismus sitzt (zumindest bei jemandem, der sich davon angesprochen fühlt)! Doch warum eigentlich? Zunächst einmal lässt selbst ein vermeintlich abgeklärter und damit dünkelhafter jugendlicher Mensch im Zuge der Besinnung über diesen Aphorismus (sofern er sich denn darauf überhaupt einlassen will, eine gewisse intrinsische Neugierde ist jedenfalls vonnöten!) erst einmal diverse Lebenssituationen Revue passieren, die diese These entweder empirisch stützen oder angreifbar bis zur Verwerfung machen könnten. Nach einer solchen Reflexion könnte er möglicherweise zu der für ihn wichtigen Erkenntnis gelangt sein: „Ach ja, mein Kumpel ist auch so einer, der immer so abgeklärt tut und doch nix in der Birne hat: Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, werf‘ ich ihm das Zitat mal um die Ohren!“
Vielleicht kommt er aber auch bei etwas tiefgründigerem Nachdenken auf die Idee, den eigenen Selbstbezug einmal zu hinterfragen und eine potenziell vorhandene eigene Dünkelhaftigkeit im schummrigen Lichte der Aufklärung zu beleuchten? Denn, wie wir alle zur Genüge wissen (und bis zum Erbrechen bereits gehört oder gelesen haben!), ist Aufklärung nach Kant bekanntlich „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“: Unmündigkeit in dieser Hinsicht bedeutet, dass man denkerisch in einer gewissen Abhängigkeit von auferlegten Normen, Dogmen und Ideologien anderer steht und sie hat damit zwangsläufig natürlich auch etwas mit dem eigenen Selbstbezug zu tun, der oft genug aus den unterschiedlichsten Gründen (Feigheit, Borniertheit, Verdrängung) zu wenig ausgeleuchtet wird. Wir sollten jedoch nicht den kategorischen Fehler begehen und uns bei Fragen der richtigen Aufklärung lediglich die Jugendlichen zur Brust nehmen, denn selbst Erwachsenen mangelt es oftmals am kritischen Hinterfragen ihrer zwar eigenen, aber nicht selbstgewählten, sondern antizipierten Lebensprinzipien, welches oftmals im betriebsamen Arbeitseifer des Alltagslebens ohnehin weder aufkommen kann, noch aufkommen soll: Schließlich reicht es ja vollkommen aus, wenn ein Mensch funktioniert und täglich pünktlich zur Arbeit kommt, die er mehr oder weniger automatisiert zur vollsten Zufriedenheit seines Vorgesetzten verrichten kann. Und was machen diese Menschen nach der Arbeit? Sie schalten ab, indem sie ein Gerät einschalten und sich Konsumgüter aller Art ad nauseam einverleiben. Millionen ist in solchen Momenten der Unaufgeklärtheit jedenfalls das blanke, künstlich erzeugte Flutlicht (das wir nicht nur von Fußballspielen kennen, sondern auch von großen Events, Fernsehshows, etc.!) wichtiger als die Aufklärung, wie es der Aphoristiker Gregor Brand in einem lesens- und bedenkenswerten Tweet auf den Punkt bringt.

Über das Gewissen

Kann ein Mensch vollkommen gewissenlos leben? Oft genug haben wir den Eindruck, dass dies kein Ding der Unmöglichkeit ist. Jedenfalls versichert uns Otto von Bismarck[1] mit dem Zitat:

“Wenn dein Gewissen rein bleiben soll, darfst du es nicht benutzen.”,

dass man durchaus problem- und bedenkenlos mit einem absolut reinen Gewissen leben kann, obwohl man möglicherweise sehr viel Dreck am Stecken hat.

Doch wie verhält es sich eigentlich mit einem guten oder schlechten Gewissen? Das schlechte Gewissen ist jedenfalls insofern ein gutes Gewissen, weil die moralische Komponente darin eine Rolle spielt, andernfalls würden wir von Gewissenlosigkeit sprechen. Daher ist es auch eigentlich unstatthaft, von einem „schlechten Gewissen“ sprechen zu wollen, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man mit sich selbst nicht im Reinen ist, weil man möglicherweise etwas in moralischer Hinsicht Fragwürdiges getan hat. In meinem ersten Aphorismenband „Zersplitterte Gewissheiten“ stelle ich darum die provokative Frage auf:

„Warum ist das Gewissen „schlecht“, wenn es die Wahrheit erkennt?“[2]

Machen wir uns keine Illusionen: Natürlich ist ein schlechtes Gewissen immer lästig und plagend, aber es gibt meist auch einen berechtigten Grund, warum es sich einstellt. Und wenn es sich nicht einstellt, kann man sich vielleicht glücklich schätzen, weil man dann wohl ein grober oder durchtriebener Mensch ist, der keinerlei moralisches Empfinden hat. Ganz in dem Sinne eines solchen Menschen könnte man pragmatisch denkend sagen:

„Nimmt man ein schlechtes Gewissen in Kauf, muss man eigentlich keins haben.“ (Konrad Toenz via Twitter, 10.10.2012)

Denn wer bewusst ein schlechtes Gewissen in Kauf nimmt, ist selber schuld. Schließlich braucht man es ja nicht, um glücklich zu sein.

Wie dem auch sei, davon abgesehen vertrete ich im Übrigen die Auffassung, dass sich das Gewissen im Laufe des Lebens erst konstituiert und nicht a priori angeboren ist, wenngleich im Menschen die Anlage zu dessen Kultivierung gegeben ist.


[1] Ich konnte leider keine Quelle für dieses zugeschriebene Zitat ausfindig machen.

[2] Zersplitterte Gewissheiten, [2009], S. 60

Über Erwartungshaltungen

Erwartungshaltungen sind oft unstatthaft, wenn sie fordernd ein sehr spezifisches intrinsisches Bedürfnis nach außen verlagern, das in den seltensten Fällen auch nur ansatzweise erfüllt werden kann. Doch sind Erwartungshaltungen darum etwas Schlechtes und etwas, das man aus dem Bewusstsein möglichst ausradieren sollte? Nein, denn kein Normalsterblicher (auch kein Stoiker!) wird gänzlich frei von Erwartungshaltungen sein und den Versuch zu unternehmen, diese gänzlich aus dem Bewusstsein auszuradieren, grenzt an ein unmögliches Unterfangen. In den trivialsten, alltäglichen Situationen hegen wir gewisse Erwartungshaltungen (basierend auf Konventionen), die möglichst passgenau erfüllt werden müssen: Ist dies nicht der Fall, sind wir möglicherweise verwirrt, oder aber auch schwer schockiert.  Um jedoch das eigentliche Bewusstsein für die Problematik, die mit den Erwartungshaltungen einhergeht, zu schärfen, ist es zunächst einmal wichtig, dass man sich im Klaren darüber ist, was diese Erwartungshaltungen eigentlich sind: Tatsächlich handelt es sich hierbei um Projektionen des eigenen Ichs, das diese wiederum im Laufe seines Lebens u. a. durch Sozialisation (kulturelle Prägung, etc.) erworben hat. Ist dieser erste, recht leicht zu vollziehende Erkenntnisschritt geschafft, geht es nun daran, die Erwartungshaltungen aktiv an das eigene Selbst zu richten, sie daran zu justieren und sich im Klaren darüber zu werden, wer man überhaupt ist und was die eigene Persönlichkeit ausmacht. Danach wird man den Fehler nicht mehr begehen und von anderen vollkommen unreflektiert das erwarten, was man im tiefsten Innern mal mehr, mal weniger bewusst eigentlich von sich selbst erwartet. Dann können in dieser Hinsicht Aufgeklärte zumindest

„ohne demutsvollen Blick auf eine Leitgestalt ihr Geschick selbst in die Hand nehmen“

und sind damit

„keinem gesellschaftlich vorgegebenen Ideal [mehr verpflichtet], sondern ihrem eigenständig denkenden Selbst“

wie es mein philosophischer Mentor Wilfried Kähler in seinem letzten Werk „Non, rien de rien…“ formuliert. Wie ich bereits anmerkte, ist kein Normalsterblicher frei von bestimmten Erwartungshaltungen und  darum will auch ich nicht verhehlen, dass ich gelegentlich mit falschen Erwartungshaltungen an eine Sache herangehe: Meine Erwartungshaltung im Hinblick auf das Buch „Klick mich“ von Julia Schramm beispielsweise war überaus verfehlt, denn ich rechnete nicht damit, dass die Autorin darin eine charakterlose Proteuskreatur mimen würde, die sich in narzisstisch-selbstdarstellerischer Weise unangreifbar dünkt, weil sie sich kaum begreifbar über Netzthemen äußert. Nein, ich erwartete ein zumindest ehrliches, wenn auch nicht sehr anspruchsvolles Buch über die gegenwärtige Netzkultur. Ich wurde in diesem Fall also schwer getäuscht von meiner eigenen Erwartungshaltung (die in diesem Fall zumindest nicht von meinem eigenen Selbst durchtränkt war, sondern von einem falschen Eindruck im Vorhinein herrührte!), was zur Folge hatte, dass ich von diesem Buch anfangs überaus schockiert war. Mittlerweile kann ich zwar Entwarnung geben, dass meine Erwartungshaltung sich den gegebenen Umständen angepasst hat, allerdings macht das die Lektüre mit der nun adjustierten Erwartungshaltung auch nicht weniger nervenaufreibend… Vielleicht sollte man grundsätzlich einfach mit einer gewissen hoffnungsfreien Gelassenheit mit seinen Erwartungshaltungen umgehen, die ja im übrigen auch nicht immer problematisch sind: Dann nämlich sind sie es nicht, wenn sie zu einem großen Teil mit den erwarteten Begebenheiten übereinstimmen (was übrigens auch oft genug der Fall ist!).