Neue Briefe an Stefan Dehn – 01 – Was ist der Unterschied zwischen einem Denker und einem Philosophen?

von Egregantius

Hallo Stefan,

vielen Dank für deinen durchdachten Brief, in dem du dich darum bemüht hast, mir darzulegen, was du an dem Begriff des Philosophen, als auch des Denkers auszusetzen hast, bzw. welche Differenzierungen du vornehmen würdest! Tatsächlich kann ich dir in deinen Ausführungen weitestgehend zustimmen und ich hoffe, dass du es mir nicht übel nehmen wirst, wenn ich nur auf wenige Punkte deines Briefes an dieser Stelle eingehen werde. Wie du weißt, versuche ich mich im Schreiben meist möglichst kurz zu fassen und lasse das, was mir allzu offensichtlich scheint, lieber außen vor, weil ich mir denke, dass manche Ausführungen nicht nur mich, sondern auch den Leser (in diesem Fall also dich) ermüden würden. Zunächst einmal möchte ich zur folgenden Briefpassage etwas schreiben, worin du mich sinngemäß richtig aus einer Antwort von mir zu einem Kommentar auf einen Aphorismus von mir („Eine perfekte Philosophie bedeutete das Ende der Philosophie.“) zitierst:

„Ich hoffe, ich zitiere dich nicht ungerecht, aber du hast sinngemäß einmal geschrieben, du würdest hoffen, es gäbe nie eine perfekte Philosophie. Ich hätte nichts dagegen einzu-wenden, wenn alle Existenzfragen eine belegte Antwort erhalten. Philosophische Reden führen nur der Rede wegen halte nicht für erstrebenswert.“

Eine „perfekte“ (also rundum abgeschlossene) Philosophie (die dann keine mehr wäre, sondern zum Dogma erstarren würde) bedeutete den Tod des Denkens, bzw. ein Ende an der Ausrichtung eines lebendigen Philosophierens, das aus einer Liebe zur Weisheit heraus gedacht wurde und wird (weil das dem Wortsinn nach „Philosophie“ zu bedeuten hat). Das war wohl seit der Antike auch der ursprünglichste Beweggrund, den man zumindest benannt hat (und benennen konnte/wollte), wenn man von sich behauptete, Philosoph zu sein und auf den man sich seit der Entstehung des Begriffs bis heute noch einigen kann, ohne dass man befürchten muss, auf Unverständnis oder große Gegenrede zu stoßen. Es ist also richtig, wenn du sagst, dass im Begriff sowohl Weisheit, als auch ein Gefühl, bzw. eine wie auch immer geartete ideale Verbindung, die in einem Streben nach Weisheit ihren Ausdruck findet („Liebe“), vorausgesetzt wird. „Denkender“ ist da offener, wenn auch nicht voraussetzungslos, wie du ja selbst auch festgestellt hast („Letztlich ist auch die Bezeichnung Denker noch sehr anfällig, schließlich suggeriert sie reine Geistigkeit, während der ganze Körper in seiner Triebwucht das Denken (mit-)steuert.“) und bietet die Möglichkeit, der Philosophie auf einer Metaebene begegnen zu können, also eben auch anzuzweifeln und in Frage zu stellen, ob Weisheit überhaupt möglich ist, bzw. die Philosophie grundlegend zu hinterfragen. Auch ich halte philosophisches Reden nur der Rede wegen nicht für erstrebenswert. Allerdings ist die Rede, bzw. das Schreiben, die einzige Ausdrucksmöglichkeit, die Denkenden bleibt, um sich über grundlegende Fragen überhaupt miteinander verständigen zu können, wenn sie sich denn verständigen wollen (man kann ja auch schweigen und seine eigene Privatphilosophie ohne Entäußerungsversuche betreiben). Insofern kann man es einem Denker oder Philosophen nicht zum Vorwurf machen, dass er sich nur auf scheinbar sinnloses Reden, Schreiben oder Disputieren versteht und letztendlich ja doch nichts am Weltlauf ändern kann, obwohl ja gerade im vergangenen Jahrhundert die Philosophie für tatkräftigere Zwecke immer wieder gerne von Herrschenden und Revoltierenden in Anspruch genommen wurde (und immer noch in Anspruch genommen wird), auch wenn wir glücklicherweise (!) wohl niemals dazu in der Lage sein werden, das ganze Universum (bzw. die Multiversen) an uns reißen zu können, um über es (bzw. sie) die ultimative Verfügungsgewalt zu gewinnen, wo wir doch schon jetzt um unseren fragilen Planeten Erde aus den unterschiedlichsten Gründen bangen müssen.

Da wir beide uns denkend austauschen, besteht zumindest kein Zweifel darüber, dass wir Wertsetzungen vornehmen und im gegenseitigen Austausch für den anderen und uns selbst in diesem Fall Tipperzeugnisse hervorbringen, die wir für bedenkenswert halten, weil wir sie mit Sicherheit nicht vorbringen würden, wenn wir nicht den Willen dazu in uns verspürten, uns zu verständigen und manche Dinge vielleicht sogar etwas klarer in den Blick zu bekommen, obwohl wir das Ganze nicht durchblicken können und immer auch an unsere „Körperbeschaffungsvorgaben“ (um deinen anschaulichen Begriff zu verwenden) gefesselt sind. Rein theoretisch könnten wir uns ja auch sinnentleerte Sätze vorwerfen, oder uns gegenseitig „trollen“, weil wir nichts Besseres zu tun haben wollen. Aber wir glauben dann eben doch daran, dass ein denkerischer Austausch per Brief sinnhafter als bloßes Nichtstun ist, obwohl wir unter dem Blickpunkt der Ewigkeit nichts tun, was irgendwie von Belang wäre, weil unser Körper uns früher oder später unter der Hand entweichen wird und wir nicht annehmen müssen, dass es eine körpereigene Seele gibt, die sich irgendwohin hinüberretten könnte.

Beste Grüße,
Egregantius

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