Egregantius

Neujahrstraum

In der Neujahrsnacht habe ich von drei kleinen traumatisierten Mädchen geträumt, die alle jeweils eine Hand verloren und durch Knochensplitter im Gesicht entsetzlich entstellt waren (mindestens ein Mädchen verlor dabei das Augenlicht), weil sie nach dem allgemeinen Geheiß ihrer Klassenlehrerin bei einer vergnüglichen Klassenfahrt dummerweise auch während einer turbulenten Achterbahnfahrt bei einem (nicht näher bestimmbaren) auftretenden Problem wie üblich die Hand vor dem Eintritt in einen Tunnel hoben, um anzuzeigen, dass sie von ihrer Lehrerin Hilfe benötigen.

Daraus habe ich die philosophische Lehre gezogen, dass es keine Hilfestellung bei grundlegenden existentiellen Fragen geben kann. Während der Achterbahnfahrt des Lebens ist man grundsätzlich auf sich allein gestellt. Wer dabei auf Hilfe rechnet oder diese aktiv einfordert, kann unter Umständen einen schwerwiegenden Schaden davontragen.

Perhorreszierende Perzeptionen (XVI)

[1] Sie fanden etwas an ihm, weil er ihnen sagte, was allen fehlte.

[2] Beschränkt ist in meinen Augen, wer sich den Grundsatz ‚Es kann nicht wahr sein, was nicht wahr sein darf‘ aneignet und davon ausgehend sein vorgefertigtes Weltbild reinzuhalten sucht.

[3] Religion ist für Viele auch nur der Glaube an das Nächstbeste.

[4] Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich das selbst denkend zu erarbeiten, was einen betreffen könnte. Dann macht es vielleicht sogar betroffen.

[5] Es ist fatal, die eigene Großmannssucht für ein besseres Bewusstsein zu halten.

[6] Am drängendsten ist wohl eher der Untatverdacht.

[7] Zitate in der Sekundärliteratur: nicht selten verdorbene Lesefrüchte.

[8] Klimawandel: Der Schnee von gestern wird urplötzlich zum heißen Eisen.

[9] Ein Gedanke, der sich lohnt, ist selten ein Gedanke, der sich auszahlt.
(Gedanken, die sich ausgezahlt haben, sind überbewertet.)

[10] Während der Bildungshunger zu keinem Zeitpunkt sättigt, vermittelt ein wohliger dogmatischer Schlummer den Anschein, bereits satt zu sein.

Perhorreszierende Perzeptionen (XV)

[1] So mancher ist auch nur seines Schmiedes Versatzstück.

[2] Wenn ein Wissenschaftler auf der Stelle tritt, gibt es Schweißfußnoten.

[3] Der Mensch neigt dazu, die Welt in Unordnung zu bringen, damit er sich einmal mehr dazu aufraffen kann, eine gewisse Ordnung wiederherzustellen.

[4] Wir bemühen uns ständig darum, uns zu versinnbildlichen, weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass die Sinnlosigkeit unser Schicksal ist. Der Mensch kann sich gerade einmal abbilden lassen. Das ist so ziemlich das einzige, wozu er befähigt ist.

[5] Ich tue etwas, wovon ich überzeugt bin. Ich tue also idealerweise nichts.

[6] Was früher vielleicht gelesen wurde, wird heute unter Umständen noch aufgelesen und kurz überflogen, um so schnell wie möglich vergessen oder in irgendeiner Weise weiterverbreitet zu werden.

[7] Kapitales Unvermögen muss nicht beschafft werden, weil es ständig im Angebot ist.

[8] Wo kommen wir denn hin, wenn wir nirgendwo mehr ankommen müssen?

[9] Nur ein leidgetränkter Schriftsteller vermag unseren Durst zu stillen.

[10] Wer kann mir eine Garantie darauf geben, dass das Weltall nicht schon morgen in sich zusammenfällt?

Perhorreszierende Perzeptionen (XIV)

[1] Jedem Anfang wohnt etwas Anfänglicheres inne, das sich zwangsläufig verfängt.

[2] Sollte man sich veraufgaben?

[3] In den kleinsten Taten liegt oft genug das größte Vertun.

[4] Wir haben genug gesehen. Das ist mithin ein Grund, warum wir uns nichts mehr ausmalen müssen.

[5] Das eigene Wohlergehen ist nur für denjenigen von Interesse, der nicht vom Weg abkommen, also auf der Strecke bleiben will.

[6] Wer vorausgehen will, muss wissen, was ihn alles angehen kann.

[7] Ein in die Tat umgesetzter Gedanke kann möglicherweise etwas ausrichten, doch was kann ein ausbleibender Gedanke alles anrichten?

[8] Nur der Aphorismus kann noch den Sand am Meer mit dem Mikroplastik in den Ozeanen aufwiegen.

[9] Was die Frage der Schätzung des Weisen in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft angeht, waren sich die Weisen immer schon erstaunlich einig.

[10] Immer wieder die bange Frage: Wer hat mir noch etwas zu sagen, im Sinne von: Wer hat mir überhaupt noch etwas mitzugeben, was ich mir nicht schon selbst gedacht habe?

Perhorreszierende Perzeptionen (XIII)

[1] Verkrafte, wer du bist!

[2] Wer auf der Suche nach den verlorenen Worten ist, wird sie in keinem Buch dieser Welt finden können. Wenn er es am wenigsten erwartet, werden sie allerdings in aller Ausdrücklichkeit vorzufinden sein.

[3] Die meisten Schriftsteller werden nur deswegen nicht vergessen, weil sie nie gekannt wurden.

[4] Sinnbezüge machen erschreckenderweise auch ohne einen Sinn des Lebens Sinn.

[5] Was uns beliebt, belebt uns das auch?

[6] Die Chance des Menschen liegt in seiner unverwertbaren Nutzlosigkeit.

[7] Wer übt, kann auch etwas verüben.

[8] Das Beste und das Schlechteste, was man über einen Menschen sagen kann: Er war nur ein Mensch.

[9] Was Philosophen aus guten Gründen verwerfen, wird ihnen grundlos wieder vorgeworfen werden.

[10] Manchmal gibt ein Miststück den Takt des Tages vor.

Perhorreszierende Perzeptionen (XII)

[1] Wie gewollt ist eigentlich unser Wollen?

[2] Man kann sein Kapital auch in ein großes Unvermögen verwandeln.

[3] Sobald ein Philosoph sein Denken lieben lernt, verlernt er es vollständig.

[4] Gehören unsere Träume uns, oder gehören wir unseren Träumen?

[5] Wer im Einklang mit sich ist, kann nicht so berauschend klingen.

[6] Es gibt kein wahres Lesen ohne Genesegenuss.

[7] Die Selbstgespräche von Taubstummen sind vermutlich am ergiebigsten.

[8] Wenn das Universum deterministisch ist, dann hat es alles für Nichts gegeben.

[9] Das Schicksal der meisten: So fertig mit der Welt zu leben, als hätten sie sich ausgelebt.

[10] Festzuhalten bleibt, dass festgehaltene Sätze fast immer unhaltbar werden.

Perhorreszierende Perzeptionen (XI)

[1] Lakonik: Kurz und herzlos.

[2] Warum ist man um alles in der Welt ausgerechnet sich verfallen?

[3] Man ist zwangsläufig auch das, was man gerne in sich gesehen hätte.

[4] Der Eifer ist dann am größten, wenn er keine rationale Grundlage hat.

[5] Melancholie ist der Nektar der Lebensphilosophie.

[6] Die Vergangenheit ist urwüchsig.

[7] Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann sich wiederfinden.

[8] Er staunte zwar nicht schlecht, aber wohlgefällig.

[9] Eines Tages werden wir vielleicht offenen Auges zusehen müssen, worauf wir es abgesehen hatten.

[10] Alles wird für Nichts getan.

Perhorreszierende Perzeptionen (X)

[1] So mancher ist sich selbst auch nur der Nächstbeste.

[2] Sein Selbst darzulegen ist etwas grundsätzlich anderes, als sich selbst darzustellen.

[3] Das verzweifelte Buhlen um Aufmerksamkeit war immer schon ein Kennzeichen der Vulgarität.

[4] Philosophen sind naturgemäß verlegen. Wer kommt ihnen auch schon freudestrahlend entgegen?

[5] Wir haben zunächst einzusehen, was andere für uns vorgesehen haben.

[6] Mit Büchern wird gehandelt, aber um Leser muss gefeilscht werden.

[7] Einem Menschen, der für etwas einsteht, kann man nicht viel zu verstehen geben. Denn sein Verstehen versteht sich von selbst.

[8] Wo ein Wille ist, ist auch eine bewusste Wahl der Qual.

[9] Man wird das Opfer seiner Tugend werden, wenn andere sie in jeder Situation prinzipiell voraussetzen müssen.

[10] Weil am Ende alles überflüssig war, konnte nichts und niemand mehr aufrechterhalten werden.

Perhorreszierende Perzeptionen (IX)

[1] Was unversehens vor sich geht, ist immer sehenswert.

[2] Wenn ein Philosoph sich nicht verwirren lässt, irrt er sich wahrscheinlich sehr.

[3] Krämerseelen halten nur Ausschau nach den Dingen, die ihnen in den altbewährten Kram passen.

[4] Philosophie ist kein Fach, das studiert oder gelehrt werden kann, sondern ein erklärungsbedürftiges Fragen im Lebensvollzug.

[5] Was sattsam bekannt ist, sättigt niemanden.

[6] Vor und nach dem Vergessen Anamnesis in ihrer Tragweite ermessen!

[7] Eine Meinung, die nicht wohlfeil ist, ist immer billig zu haben.

[8] Wir sind so weit gekommen, dass wir gar nicht mehr nachvollziehen können, wo wir eigentlich herkommen.

[9] Die Totengräber dürften nur Spott für begrabene Hoffnungen übrig haben.

[10] Wer etwas zu bieten hat, wird sich nichts verbieten lassen.

Überlegungen zum theoretischen Zeit-Problem

Die Zeit kann zu keiner Zeit entstanden sein. Denn zu welcher Zeit müsste die Zeit entstanden sein? Antwort: Zu keiner Zeit (quasi in einer „Un-Zeit“). Sie kann also nicht entstanden (oder erschaffen worden) sein, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sein müsste, der nicht bestimmbar ist, weil es logischerweise vor der Zeit noch keine Zeit gegeben haben kann. Die Zeit muss also theoretisch immer dagewesen sein, bevor es die Möglichkeit gab, sie zu erfahren und in irgendeiner Weise messen zu können.