Egregantius

Perhorreszierende Perzeptionen (IX)

[1] Was unversehens vor sich geht, ist immer sehenswert.

[2] Wenn ein Philosoph sich nicht verwirren lässt, irrt er sich wahrscheinlich sehr.

[3] Krämerseelen halten nur Ausschau nach den Dingen, die ihnen in den altbewährten Kram passen.

[4] Philosophie ist kein Fach, das studiert oder gelehrt werden kann, sondern ein erklärungsbedürftiges Fragen im Lebensvollzug.

[5] Was sattsam bekannt ist, sättigt niemanden.

[6] Vor und nach dem Vergessen Anamnesis in ihrer Tragweite ermessen!

[7] Eine Meinung, die nicht wohlfeil ist, ist immer billig zu haben.

[8] Wir sind so weit gekommen, dass wir gar nicht mehr nachvollziehen können, wo wir eigentlich herkommen.

[9] Die Totengräber dürften nur Spott für begrabene Hoffnungen übrig haben.

[10] Wer etwas zu bieten hat, wird sich nichts verbieten lassen.

Überlegungen zum theoretischen Zeit-Problem

Die Zeit kann zu keiner Zeit entstanden sein. Denn zu welcher Zeit müsste die Zeit entstanden sein? Antwort: Zu keiner Zeit (quasi in einer „Un-Zeit“). Sie kann also nicht entstanden (oder erschaffen worden) sein, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sein müsste, der nicht bestimmbar ist, weil es logischerweise vor der Zeit noch keine Zeit gegeben haben kann. Die Zeit muss also theoretisch immer dagewesen sein, bevor es die Möglichkeit gab, sie zu erfahren und in irgendeiner Weise messen zu können.

Perhorreszierende Perzeptionen (VIII)

[1] Jeder Mensch ist genauso anders, wie alle anderen.

[2] Was der Ideologe sehen will, soll immer auch auf seine Weise gesehen werden. Was der Ideologe gerade nicht sehen kann (weil er nie genau hinsehen will), wird daher von seinen Anhängern zunächst mit schlechtem Gewissen zur Kenntnis genommen, um danach geleugnet, relativiert oder zur infamen Lüge deklariert zu werden.

[3] Das Alte wird zur fortwährenden Neuigkeit, wenn es immer wieder neu erkannt wird. Da das Alte immer wieder neu gesehen werden kann, gibt es tatsächlich nur Neues unter der ständig neu aufscheinenden Sonne.

[4] Auf frischer Wahrheitstat wurde noch kein Philosoph ertappt. Vielleicht werden Philosophen darum so gerne umstandslos von der Nachwelt verurteilt?

[5] Das lange schon vernachlässigte Unterfangen der Philosophie wird nicht mehr wiederzubeleben sein, wenn auch die Menschen der Zukunft nur noch bedenkenlos zufriedengestellt sein wollen.

[6] Es gab noch kein Menschenleben, das am Ende gut ausging.

[7] Die meisten können nur das sehen, was alle sehen, weil sie unbedingt sehen wollen, was alle sehen.

[8] Für unseren unwiderruflich gewordenen Fortschritt haben wir das eine oder andere endgültig fortschaffen müssen. Dabei ist das vorläufige Ergebnis des unaufhaltsam voranschreitenden Fortschritts abscheulich genug anzusehen.

[9] Wer keine Tiefe hat, ist oft noch schlau genug, seine leicht fassliche Oberfläche so auszuleuchten, dass andere sie in ihrer makellosen Reinheit zelebrieren dürfen.

[10] Habt immer auch ein Einsehen, wenn ihr zusehen müsst, wie andere die Welt sehen.

Perhorreszierende Perzeptionen (VII)

[1] Was sich für andere längst erübrigt hat, bleibt für den Philosophen oft ein Übriges, zu Betrachtendes.

[2] Weil die gut Informierten alles längst durchschaut haben wollen, stellt kaum mehr jemand wagemutige Mutmaßungen an.

[3] Wer Wesentliches aus sich hervorscheinen lassen will, hat vor sich zurückzutreten, um das Prächtige in aller Ruhe auf sich einwirken lassen zu können.

[4] Was der Philosoph neu denkt, wollen sich alle immer längst gedacht haben. Dass sie sich nichts dazu denken konnten, ist dann allerdings sehr zu bedauern.

[5] Wenn Realsatire Dauerzustand wird, kann sich gute (irritierend-amüsante) Satire eigentlich nur noch auf die wahrheitsgetreue Abbildung der Wirklichkeit verlegen und wird dadurch geradezu journalistisch.

[6] Was nicht gehen kann, wird rasend gemacht.

[7] Wer sich von seinem Eigenwissen durchdringen lässt, wird bereits auf seine Weise gebildet sein, wenn er dem inhärenten Wissen nur die nötige Zeit gibt, sich in ihm und durch ihn zu konkretisieren.

[8] Jeder moderne Autor muss schlicht und ergreifend die Tatsache anerkennen, dass man auf ihn gut und gerne verzichten könnte. Denn man wird in der Weltgeschichte keinen einzigen Autor vermissen, der nie gekannt wurde, der vielleicht sogar aus guten Gründen nie gekannt sein wollte.

[9] Wer einer Dummheit, die er leidenschaftlich anprangert, nie auf den Grund gegangen ist, ist sogar noch dümmer als die Dummen, die vielleicht nur aus Naivität unwissend oder aber dummdreist sind und sich dann eben nur aus Kalkül in ihrer ganzen Dummheit sehen lassen wollen, um in ihrer natürlichen Stumpfsinnigkeit so geliebt werden zu können, wie sie eben gerne sind.

[10] Was die einen so vermeinen, haben andere zu vermögen.

Perhorreszierende Perzeptionen (VI)

[1] Was schwer zu sagen ist, wird lediglich benannt.

[2] Die Menschen sind sich nicht gleich, aber manche bleiben sich gleich und viele gleichen sich manchen an.

[3] Was ein anderer einsehen will, haben wir in einer Weise abzusehen, die es uns erlaubt, genauer hinzusehen.

[4] Traurig, aber wahr: Das Unverwechselbare dient Vielen nur zur nötigen Abwechslung.

[5] Im Grunde ist es nur sehr verständlich, dass vor allem die Unverständigen uns immer etwas zu sagen haben.

[6] Unerträgliche Kulturträger wollen immer gleich vom Zeitgeist getragen sein.

[7] Einige moderne Autoren erregen nur deshalb mediale Aufmerksamkeit, weil sie – vorsätzlich skandalisiert – in den Fokus der Öffentlichkeit gezerrt werden und die verbliebenen (vermuteten) Kulturinteressierten alsdann in der heißumkämpften Pro/Contra-Phase fieberhaft nach einer guten Ausrede zu suchen haben, um die so Gehypten unter keinen Umständen lesen zu müssen.

[8] Es gibt Autoren, die auf Gedeih und Verderb gelesen werden wollen. Die Autoren, die tatsächlich (noch) gelesen werden, liegen fast immer irgendwo begraben.

[9] Oft überblicken wir, was wir sehen wollen und bekommen einmal mehr unser altbekanntes alter ego zu Gesicht.

[10] Wer eigenständig denkt, kann sich vieles schenken und das Geschenkte später anderen mit auf den Weg geben, die es vielleicht nötig haben oder noch gut brauchen können.

Perhorreszierende Perzeptionen (V)

[1] Viele können nicht gut sein, solange sie begütert sind.

[2] Wenn ich fernsehe, ist bereits festgelegt, was ich in welchem Rahmen überhaupt zu Gesicht bekommen soll.

[3] Nur der Herr, dein Google weiß, wonach du dein Leben lang erfolglos gesucht hast.

[4] Wer immer mit dem Schlimmsten rechnet, darf viel an sich erfahren.

[5] In Nachrichten finden wir immer ein Vorgefundenes, das sehr genau auf uns ab- und zugerichtet wurde, weil es uns gefälligst zu interessieren hat.

[6] Damit es ein Einsehen geben kann, muss zunächst einmal von vielem abgesehen werden.

[7] Was die einen von alleine stemmen, haben andere mit Müh‘ und Not wieder einzudämmen.

[8] Beim besten Willen führt der gute Wille ein Schattendasein.

[9] Unser Verstehen ist im Grunde immer unverständlich.

[10] Der Deutsche macht aus der Not auch gerne mal ein Fest, wenn er nicht dazu in der Lage ist, eine Tugend aus ihr zu machen.

 

 

Kommentar zum Thema „Versklavung durch Maschinen“

Kommentar zu der Aussage: „Wenn der Mensch von der Maschine versklavt wird, dann liegt das weniger an der Maschine als am Menschen.“

Mit der Erfindung von handlichen Gebrauchsgegenständen, die durch den homo faber zu Maschinen weiterentwickelt wurden, wurde der Mensch eines Tages mit der Frage konfrontiert, in welcher Weise er fortan Maschinen für sich arbeiten lassen wollte. Zunächst sollten Maschinen Hilfsmittel zur Arbeitserleichterung für den Menschen sein. Es lag nie im Interesse des Menschen, sich von Maschinen zwingen zu lassen, also zum bloßen Beiwerk von Maschinen zu werden.
Nun ist es so, dass wir uns in der Gegenwart in einer gefährlichen Phase des Umbruchs befinden. Durch die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt wird die Frage dringlicher, wie wir uns in Zukunft von Maschinen überhaupt beeinflussen lassen wollen. Es steht uns hierbei frei, zu wählen, ob wir als Privatpersonen bewusst auf Maschinen verzichten wollen. Zum Beispiel können wir uns weigern, Computer zu nutzen und unsere Interessen und Verhaltensweisen durch Algorithmen und soziale Netzwerke lenken und leiten zu lassen. Doch selbst dann, wenn wir für uns persönlich die Entscheidung treffen, uns von Computern weitestgehend fernzuhalten, können wir dennoch sicher sein, dass z. B. unsere Telefongesellschaft oder unser Arzt persönliche Daten sammelt und gegebenenfalls zur Auswertung an andere Institutionen weiterleitet. Möglicherweise ist es für uns von Vorteil, früher oder später unsere eigene DNA entschlüsseln zu lassen, um erblich bedingten Krankheiten rechtzeitig vorbeugen zu können, vielleicht ist es sogar notwendig, Telefon- und Verbindungsdaten vorsorglich zu speichern, um Terrorismus vorbeugen zu können, aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass mit der automatischen, massenhaften Speicherung von Daten enorme Gefahren und Risiken verbunden sind. Vor allem an dieser Schnittstelle wird sich in Zukunft die Gefahr einer zunehmenden Versklavung durch Maschinen eröffnen, abgesehen davon, dass wir als Verbraucher heute bereits durch maßgeschneiderte, „algorhythmisierte“ Werbung im Internet stark beeinflusst werden, um so konsumfreudig wie möglich bei der Stangenware gehalten zu werden.
Hier tut sich dann auch plötzlich eine tieferliegende platonische Höhle auf, in der wir es uns in Zukunft nicht achtlos bequem machen dürfen. Eigenständiges, selbstbestimmtes Auftreten und persönliche Verantwortung sind wahrscheinlich gefragter denn je, damit unsere Freiheit gewährleistet werden kann und wir nicht bloß zu fügsamen Rädchen unserer eigenen Maschinen werden. Wir dürfen nicht aus einer fortschrittsgläubigen Naivität heraus unsere Anlage zur Menschlichkeit an das emotionslose, berechnende Kalkül der Maschinen verlieren. Vielmehr müssen wir uns die Maschinen in einer Weise zunutze machen, die es uns erlaubt, jedwede Technokratie bei Bedarf spielerisch übergehen und im wahrsten Sinne des Wortes „manipulieren“ (mit Menschenhand wieder in den Griff bekommen) zu können. Der homo faber muss hierfür den homo ludens in sich wiederentdecken, um eben nicht zwangsläufig als „Smombie“ willenlos in eine tieferliegende platonische Höhle hinüberschreiten zu müssen.

Anmerkung: Dieser Aufsatz wurde im Rahmen einer Eignungsprüfung von mir verfasst. Da ich ihn einigermaßen gelungen und anregend finde, habe ich mich dazu entschlossen, ihn stilistisch leicht überarbeitet für meinen Blog noch einmal neu aufzubereiten.

Perhorreszierende Perzeptionen (IV)

[1] Das Gute wird immer erwartet, darum wird es manchmal sogar getan.

[2] Unter Umständen bereitet unsere Umstandslosigkeit die größten Umstände.

[3] Verwertung der Werte: So weit sind wir tatsächlich gekommen.

[4] Beim besten Willen stellt sich immer auch die Frage nach dem Worumwillen.

[5] Wir üben uns in falscher Bescheidenheit. Darum wird das trostlose Sittengemälde unserer Zeit eines Tages auch nur ein mühelos erzeugtes Selfie von uns sein.

[6] Der Deutsche applaudiert kaum jemals, weil er aus Spaß an der Freude applaudieren will, sondern weil er zu applaudieren hat.

[7] Was alle längst verstanden haben wollen, soll einer mal verstehen!

[8] Diskurse werden geführt, damit die Kultur eines Landes einmal mehr bedenkenlos herabgewürdigt werden kann.

[9] In voller Blüte stehen diejenigen, die genau wissen, was ihnen blüht.

[10] Die Wahrheit hat keinen Wert. Ob sie sich durchsetzt oder nicht, spielt indes keine Rolle.

Perhorreszierende Perzeptionen (III)

[1] Wenn man sich etwas zu Gemüte führt, sollte es auch mal ungemütlich werden dürfen.

[2] Sozial ist, was Muße schafft.

[3] Wer es sich in einer Philosophie bequem macht, wird sie verfehlen.

[4] Es steht zu vermuten, dass manche nur aus bequemlicher Unwissenheit unbequeme Wahrheiten vermuten wollen, um aus eitler Schwatzsucht unmaßgebliche Mutmaßungen anstellen zu können.

[5] Wer das eigenmächtige Denken wagt, wird nicht unverschont bleiben.

[6] Die Sorge des Philosophen ist mit, während und nach Erledigung seiner Besorgungen da.

[7] Ein kultivierter Mensch braucht andere zu seiner Unterhaltung nicht, weil er durch sich selbst zum Ereignis seines Lebens wird und damit bereits ein spannendes und spannungsreiches Leben hat.

[8] Wie kommt man eigentlich dazu, Mensch zu sein? Warum ist man gerade Mensch geworden und konnte im Hier und Jetzt nichts anderes werden?

[9] Wer versteht schon sein Verstehen? Nur die Unverständigen haben ihr Selbstverständnis.

[10] Wo alles längst vertan wurde, gibt es kein Vertun mehr.

Perhorreszierende Perzeptionen (II)

[1] Philosophen, seht euch vor!

[2] Die einen erwarten Dinge, die andere umstandslos zu gewärtigen haben.

[3] Ich fürchte, dass wir unaufgespürt dahinschwinden.

[4] Philosophen spüren genau den Dingen nach, die andere nicht mehr wahrhaben wollen.

[5] Das Unmögliche war und bleibt nie vollkommen unmöglich.

[6] Von Tag zu Tag verwirklicht sich Unwirkliches.

[7] Es existiert kein Satz, mit dem ein für alle Mal genug ausgesagt worden ist.

[8] Was zu denken ist, befindet sich unablässig im Aufbruch und wird niemals ausgedacht vorliegen können.

[9] Philosophen wollen einmal sehen, was keines Blickes mehr gewürdigt wird.

[10] Was fällt dir eigentlich ein?! Darauf darfst du gespannt sein.