Ein spontaner Twitter-Dialog mit Philip Ohnruh über das Nichts


Die platonischen Dialoge – war das nicht auch eine Art Chatten?
(Gregor Brand via Twitter am 22.8.2010)

Ausgangspunkt dieses Chats mit Philip Ohnruh @philosoph_de vom 25.11.2013 ist das Zitat «Der Weise aber blickt fest und freudig dem absoluten Nichts ins Auge.» von Philipp Mainländer (Philosophie der Erlösung I, S. 358)



[Philip:] Das Nichts ist die gähnende Sinnlosigkeit. Sollte sich der Weise nicht mit sinnvolleren Dingen beschäftigen?

[Egregantius:] Dem Weisen eröffnet sich durch den festen Blick ins Nichts zuallererst, dass „Sinn“ immer zugeschrieben wird.

[Philip:] Braucht er dafür den Blickkontakt zum Nichts? Die Beschaffenheit von Zuschreibungen könnte doch reichen?

[Egregantius:] Nein, das Nichts muss im Blick bleiben. Zuschreibungen werden als solche nicht erkannt, wenn dahingelebt wird.

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[Philip:] Wir haben so viele Gründe, wozu dann noch der Abgrund?

[Egregantius:] Gründe werden immer dann brüchig, wenn der Abgrund sich eröffnet. Und wer viele Gründe hat, lebt nicht tief.

[Philip:] Wer aber viele gute Gründe kennt, dem sind alle Gründe brüchig (Entwurf), auch ohne Abgrund.

[Egregantius:] Die Gründe werden darum nur beliebig wählbar. Erst durch den Einriss des Abgrunds wird der Blick aufmerksam.

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[Philip:] Hat Heidegger an die „Eigentlichkeit“ geglaubt? Konnte er das „Man“ überwinden? War der Blick je ungetrübt?

[Egregantius:] Heidegger war sich über das „Man“ im Klaren, ob er es überwinden konnte, ist eine andere Frage.

[Philip:] Eben daran sieht „man“ schön, in welcher Entfernung eigentlich das „Nichts“ liegt…

[Egregantius:] Wer das „Nichts“ von sich fernhalten muss und nicht an sich heranlassen kann, wird im „Man“ verhaftet bleiben.

[Philip:] Das ginge auch andersrum: Wer das „Man“ von sich fernhält, wird dem „Nichts“ verhaftet bleiben?

[Egregantius:] Man kann dem Nichts nicht verhaftet bleiben, weil man dem Man immerfort ausgesetzt ist, ob man will oder nicht.

[Philip:] Klar kann man, im Tod, denn nichts anderes verbirgt sich hinter dem „Nichts“… kennst du es denn, das Nichts?

[Egregantius:] „Man“ kann nicht, im Tod gibt es weder Man noch Eigentlichkeit. Das Nichts ist kaum greifbar, aber ergreifend.

[Philip:] Wenn „Nichts“ wirklich „nichts“ sein soll, dann ist es prinzipiell ungreifbar. Und inwiefern ergreifend?

[Egregantius:] „Nichts“ kann dich umfangen, aber es ist in seiner Tragweite nicht greifbar, weil wir keinen Anteil daran haben.

[Philip:] Was du schreibst, klingt nach Meditation, kontemplativer Versenkung… praktizierst du das?

[Egregantius:] Meditation habe ich noch nie bewusst praktiziert. Aber eine kontemplative Versenkung ist mir wohl zu eigen.

[Philip:] Sehr spannend! Kontemplative Versenkung ist sehr sinn-voll, finde ich. Nur Sinn ist Etwas und nicht Nichts.

[Egregantius:] Wir können uns vielleicht darauf gütlich einigen, dass Sinn etwas mehr als „Nichts“ ist?

[Philip:] Absolut. Ich danke dir für das tolle Gespräch! Hoffentlich folgen noch viele weitere!

[Egregantius:] Ich bin immer offen für philosophische Diskussionen.