Egregantius

Monat: September, 2013

Egregantius Briefe an Gideon (1) – Über das Glück

Werter Gideon,

du fragst mich, was Glück ist. Ohne dir zu sehr schmeicheln zu wollen, möchte ich dir an dieser Stelle versichern, dass ich augenblicklich Glück empfinde, weil du in mir ein inneres Bedürfnis geweckt hast, der Frage nach dem Glück einmal mehr auf den Grund zu gehen. Ich muss dich allerdings im Vorhinein bereits ein Stückweit enttäuschen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir wohl nicht gelingen wird, eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Glück in diesem Brief zu geben, obwohl ich selbstverständlich alles daran setzen werde, das Glück in seiner maßgeblichen Bedeutung für unser Leben zu begreifen. Allerdings geht es mir auch nicht darum, das Glück ein für alle Mal festzustellen, in eine Form zu gießen, von jedwedem konkreten Lebensbezug abzukoppeln und es vor deinen Augen zur allein seligmachenden Betrachtung als ein erreichbares Ziel darzustellen. Aus diesen Zeilen wirst du ersehen können, dass ich nichts davon halte, wenn Menschen den Versuch unternehmen, das Glück als einen ideal-statischen Zustand zu erlangen, indem sie Handlungen unternehmen, die ihnen dazu verhelfen sollen, ihr persönliches Lebensglück in einem konkreten Erlebnis oder Ereignis zu erreichen. Das Glück ist in meinen Augen etwas, das als ein solches erst dann seinen Namen verdient, wenn es nicht nur punktuell auf einen Anreiz hin zum Ausdruck kommt (um im stetigen Wechselspiel mit der Langeweile immer wieder verdrängt und aufgereizt zu werden), sondern in einem stetigen Mitschwingen im wachen Bewusstsein erfahren wird. Ich selbst begreife das Glück also in erster Linie als etwas uns Zu-Gehöriges, das nicht erstrebt, sondern im Augenblick gelebt werden kann. Unschwer wirst du erkennen können, dass das Glück für mich im gegenwärtigen Zustand nur im Denken an das Glück zu finden ist. Ich tue momentan nichts anderes, lasse mich von nichts und niemandem ablenken und verfolge nur meinen Gedankengang, von dem ich noch nicht wissen kann, wohin er mich führen wird.

Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle ins Gedächtnis rufen, dass das Glück (das wir im Übrigen selbstverständlich von der bloßen Lust unterscheiden müssen!) in der Philosophie wohl immer schon einen schweren Stand hatte. Zwar priesen Philosophen wie Plutarch das Glück des philosophischen Erkennens mit Sätzen wie „Vertraue dich der Philosophie an, und du wirst nicht ohne Annehmlichkeiten sein, sondern Du wirst lernen, jederzeit und in allen Lagen glücklich zu leben.“, aber der Grundtonus scheint doch eher der zu sein, dass Glück als Illusion empfunden wird: So hielt Francis Bacon es für eine Erfindung und Julien Offray de La Mettrie empfahl Unglücklichen bereits im 18. Jahrhundert Drogen, da diese wenigstens die Illusion des Glücks vermitteln würden. Davon abgesehen ließ sich Nietzsche zu der Bemerkung hinreißen: „Fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn.“ Sicherlich gibt es auch eine Form von blödelnder Stumpfsinnigkeit, die – zumindest von außen besehen – wie Glück aussehen mag; aber Glück zeichnet sich in meinen Augen durch eine stetig aufmerkende Bewusstheit aus, die intellektuell weder dämpfen noch niederdrücken muss (von Oswald Spengler gibt es diesbezüglich den Satz: „Tiefes Glück ist Gegenwart ohne Denken.“), damit also das ausmacht, was ich unter Glück verstehe und ebendarum von mir auch nicht als bloße „Illusion“ abgetan werden kann. An dieser Stelle schließe ich diesen Brief gerne ab und nehme meinen noch verbleibenden Schwung hinüber, weil ich in freudiger Erwartung das aufzunehmen gedenke, was du zu dieser Thematik beisteuern wirst. An deinem Brief werde ich absehen, was mir zu diesem Thema noch zu schreiben verbleibt.

Beste Grüße
Egregantius

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Egregantius Briefe an Stephanus (4) – Über die Leidenschaft des Denkens

Werter Stephanus,

ich glaube, dass du in deinem letzten Brief das darlegen konntest, was dir zum Thema Askese wichtig erschien. Ich kann und will dem nicht allzu viel hinzufügen, auch weil ich zu erkennen glaube, dass es dich mürbe machen würde, in einem neuen Brief noch einmal auf ebendieses Thema zurückgeworfen zu werden. Du willst im eigenständigen Denken schreibend voranschreiten und auch mir geht es letzten Endes darum, meine Gedanken aus mir quellfrisch hervorsprudeln zu lassen, ohne leichtfertigerweise meinen Quellhort der Inspiration dadurch zum Versiegen zu bringen, indem ich den vergeblichen Versuch unternehmen wollte, das frische und belebende Denkwasser gleich in danaidische Fässer abzufüllen, um mich daran zu einem späteren Zeitpunkt erlaben zu können.

Tatsächlich haben wir in unseren Briefen die Möglichkeit, ein Stückweit im Denken zu verweilen und das ausfindig zu machen, was unser eigentliches Anliegen sein muss. Das scheint mir auch eine Form der asketischen Einübung zu sein, eben nicht die zerstreuenden Anreize immer wieder von außen auf sich einwirken zu lassen, ohne dabei etwas für sich selbst verinnerlichen zu können, sondern einen gegebenen Anreiz – wie deinen letzten Brief – insoweit nutzbar zu machen, dass wir uns selbst keinen Vorwurf machen müssen, unsere wertvolle Lebenszeit mit unnützen Dingen verschwendet zu haben. Wenn wir unsere naturgegebene Leidenschaftlichkeit immer wieder darauf konzentrieren könnten, einen inspirierenden Gedanken bis ins Letzte auszuformen, wäre möglicherweise nicht nur für unser eigenes Leben etwas gewonnen, sondern auch für die Nachwelt, sofern wir den Versuch unternehmen wollten, unsere anhaltende Denkintensität in Schriftform zu bewahren. Insofern ist die Leidenschaft also nichts Schlechtes, im Gegenteil: Ohne sie hätten wir ja schließlich noch nicht einmal den Anreiz dafür, überhaupt irgendetwas zu tun, was in unseren Augen eine sinnhafte Beschäftigung sein kann. Die Leidenschaften also vollkommen einzudämmen, scheint mir für den Denkenden kein gangbarer Weg zu sein, weil dies letzten Endes eher zu träger Denkfaulheit und Behäbigkeit führt. Ich würde dir also darin zustimmen, wenn du schreibst, dass diese radikale Beschneidung eher eine Form der Schwächung darstellt.

Du schreibst, dass du im Denken alles gibst, ja du schreibst sogar: „Für mich ist das Denken Genuss.“, oder auch „Ich bin im Denken zu Hause.“ Aber gleichzeitig glaubst du auch, das rechte Maß in manchen Bereichen noch nicht gefunden zu haben. Ich würde dir darauf hin erwidern wollen, dass du allein schon mit dem Denken eine maßgebliche Entscheidung getroffen hast, die durch keine Aristotelische Feinsinnigkeit getrübt werden kann: Ein Mensch, dem nur am beschaulichen rechten Maß gelegen ist, sollte durch das Denken erst einmal aus der Ruhe gebracht werden! Wie kann ein Mensch denn noch Maß halten, wenn sich das Denken in ihm ereignet?! Für die Ausschweifungen, die angelegentlich mit dem Denken einhergehen können, wird sich kein Denker schämen müssen.

Im Übrigen kann es auch keine Schande für einen Denker sein, sich gelegentlich diversen Zerstreuungsmitteln zuzuwenden, wenn er weiß, worauf er sich einlässt und bestenfalls sogar einen Anreiz zum Denken aus seiner Zerstreuung ziehen kann. Sogenannte „Kulturgüter“ werden schließlich auch in erster Linie genossen und dann vielleicht im Nachgang zur Betrachtung herangezogen. Es wäre auch der falsche Ansatz, sich im Vorhinein bereits hochtrabende Gedanken darüber machen zu wollen, inwieweit dieses oder jenes Zerstreuungsgut mich selbst in meinem Denken überhaupt voranbringen kann. Man muss eben auch manchmal dazu bereit sein, sich für das eine oder andere zu öffnen, um dieses oder jenes dann aber auch in seiner Augenblicklichkeit vollkommen auf sich einwirken zu lassen.

Selbstverständlich gibt es kein notwendiges Gut, das ein Mensch unbedingt konsumieren müsste, wenn nur seine lebensnotwendigen Bedürfnisse gestillt sind. Aber was eben darüber hinausgeht und als Gut in der Menschenwelt Bestand hat, macht zu einem Großteil auch die Kultur des Menschen aus. Was der einzelne Mensch mit diesen Gütern anfängt, bleibt letztendlich ihm selbst überlassen, aber der Denker wird sicherlich nicht die Güter zu schätzen wissen, von denen er als Mensch vereinnahmt und weitestgehend zufriedengestellt wird, sondern er wird die Dinge bevorzugen, aus denen er selbst etwas Produktives schöpfen kann. Goethe schrieb einmal in einem Brief an Schiller folgenden bemerkenswerten Satz, mit dem ich diesen Brief vorzeitig, aber nicht zur Unzeit abschließen möchte: „Uebrigens ist mir alles verhaßt was mich blos belehrt, ohne meine Thätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“

Beste Grüße
Egregantius

Egregantius Briefe an Stephanus (3) – Über Askese

Werter Stephanus,

ich verstehe deinen letzten Brief bereits als eine Form der asketischen Einübung, womit wir auch schon bei unserem Thema wären. Hegel schrieb einmal im Rückgriff auf Goethe: „Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen.“ Asketen verstehen sich auf diese Kunst.

Wie dir bekannt sein wird, pries Schopenhauer das asketische Lebensideal in seinen Werken nicht nur in philosophischer Hinsicht als folgerichtigste Reaktion auf die fundamentale Einsicht in den Weltlauf an, sondern bewies uns auch durch seine eigene Lebensführung, dass er die Askese bei anderen nicht nur nachvollziehen, sondern ein Stückweit auch selbst nacherleben konnte. Pascals Asketismus, der aus seinem Christentum resultierte, ist dir in seiner Radikalität ebenfalls wohlbekannt, weshalb ich in diesem Brief auf diese Form der Askese nicht näher eingehen werde (und die Askese aus auferlegtem Zwang, bzw. autoritätshöriger Gehorsamkeit an dieser Stelle auch einmal außen vor lasse).

Ich selbst würde von mir behaupten, zwar durchaus enthaltsam und sparsam (vergleichbar vielleicht mit Schopenhauer), aber keineswegs asketisch zu leben. Um wahrhaft asketisch leben zu können, sind nicht nur strenge Disziplin und Charakterfestigkeit vonnöten, sondern auch eine bemerkenswerte körperliche Konstitution, die wohl auch erst einmal allmählich antrainiert werden muss, damit die freiwillige und selbstgewählte Askese halbwegs unbeschadet durchgestanden werden kann. Ich glaube kaum, dass man die echte Askese, die diesen Namen verdient, einfach so leben kann, sondern gehe davon aus, dass man sich ganz bewusst dazu entscheiden muss. Denn durch die Askese werden einem nicht nur gewisse Beschränkungen auferlegt, sondern es müssen in der asketischen Lebensführung auch wahrhaft entbehrungsreiche körperliche und psychische Leiden ertragen werden.

Nun stellt sich die Frage, warum sich manche Menschen diesen selbstgewählten Beschränkungen überhaupt unterwerfen wollen: Ich denke, dass die Gründe für diesen radikalen Schritt so vielfältig sind, dass es vertane Liebesmühe wäre, darüber in diesem Brief zu spekulieren. Ich gehe allerdings davon aus, dass das wichtigste und allgemeinste Motiv, das aus dieser Entscheidung herausgelesen werden kann, das Bestreben ist, eine radikale Veränderung, einen radikalen Bruch herbeizuführen, der mit einem bestimmten Bewusstseinswandel verknüpft sein muss: Um es mit Schopenhauer auslegen zu wollen, haben wir es hierbei wohl mit einer völligen Umkehrung des Willens zu tun. Von Nietzsche gibt es in diesem Zusammenhang den bemerkenswerten Satz: „Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen.“

Soweit dieser eher sachlich orientierte, erläuternde Brief. Da dir diese Thematik scheinbar sehr am Herzen liegt, gehe ich davon aus, dass du in deinem Brief an mich wohl noch das eine oder andere beizusteuern weißt, worauf ich dann nach dessen Erhalt gerne eingehen werde, soweit es mir möglich sein wird.

Einmal mehr mit bestem Gruß,
Bruder Egregantius

Egregantius Briefe an Stephanus (2) – Über Sprache

Werter Stephanus,

Worte, die in mir etwas aufwerfen, habe ich – seit ich denken kann – immer höher geschätzt, als klar umrissene Antworten, mit denen sich in aller Zufriedenheit abgegeben werden soll. Ein Wort kann intensivere Fragen aufwerfen, als mehrdeutige Antworten sie jemals hervorrufen könnten. Manchmal fehlen uns die Worte, wenn wir uns ihrer bedienen wollen, nur um sie zu einem späteren Zeitpunkt doch noch in aller Deutlichkeit finden zu können: Unser Denken offenbart uns in solchen aufschlussreichen Momenten, mit welcher Vorsicht – und damit einhergehender Zögerlichkeit – wir die Worte oft erst unbewusst lange Zeit in uns wägen und herumtragen müssen, bevor wir überhaupt erst dazu bereit sind, etwas mit ihrer Hilfe zum Ausdruck zu bringen.

Wir dürfen dabei allerdings nicht den Fehler begehen und das Wort in seiner festgestellten Bedeutung überschätzen, Lichtenberg schreibt: „Das Wort soll keine Definition sein, sondern ein bloßes Zeichen für die Definition, die immer das veränderliche Resultat des gesamten Fleißes der Forscher ist“. Das Wort schließt also das Denken nicht von vorneherein ab, sondern ist zuallererst dessen Ausgangspunkt. „Das Wort kann doch nicht alles enthalten und also muss ich doch die Sache noch besonders kennen lernen.“, schreibt Lichtenberg weiter.

Ich habe einmal den Satz notiert (und auch zur Publikation freigegeben): „Wer sich verständigt, umreißt mit Worten das unschöne Muster der Sprachlosigkeit.“ Wir werden sprachlos geboren und müssen uns im Verlaufe unseres Lebens darum bemühen, mustergültige Verständigungsmöglichkeiten in der Auseinandersetzung mit anderen zu erfahren und zu einem großen Teil auch neu zu erfinden. Unser Leben ist ohne Sprache nicht denkbar, weil wir uns ohne sie niemals erfahren könnten, selbst dann nicht, wenn wir als handelnde Wesen in irgendeiner Art und Weise zusammen bestehen würden.

Ich möchte den Brief an dieser Stelle gerne abschließen, weil ich dich gerne zu Wort kommen lassen will. Ich bin mir dessen bewusst, dass in diesem Brief vieles nicht geschrieben wurde, was hätte geschrieben werden können, aber ich wollte an dieser Stelle nicht mehr schreiben, als mir notwendig erschien: Im Übrigen kannst du aus diesem Brief ersehen, dass eine gewisse Wortkargheit manchmal eine größere Kluft aufreißen kann, als das Schweigen – oder ein zu lang geratener Brief.

Mit bestem Gruß,
Egregantius

Egregantius Briefe an Stephanus (1) – Über Offenheit

Werter Stephanus,

ich glaube kaum, dass es uns in erster Linie darum gehen sollte, über „einzelne Philosophen und deren Ausrichtung“ zu schreiben: Das ist mit Sicherheit nicht das Hauptthema, das uns beiden mit unserem Briefaustausch am Herzen liegt. Auch wenn wir den Versuch unternehmen wollten, über andere Philosophen zu referieren, würden wir wohl letztendlich doch nur auf uns selbst rekurrieren, selbst dann, wenn wir dies bewusst zu vermeiden suchten. Es führt also kein Weg an uns vorbei, wir müssen Stellung beziehen und den Mut dazu aufbringen, uns auf uns selbst einzulassen: Was selbstverständlich nicht zwangsläufig zu bedeuten hat, dass wir gleich harte Geschütze gegeneinander auffahren und kampfeslustig ein Gedankenkrieg eingeleitet wird, den wir bis zum bitteren Ende durchfechten müssten. Insofern kann es uns nur zu Gute kommen, wenn wir uns immer wieder in der Besinnlichkeit darauf zu beschränken versuchen, klar und konzis das zu umreißen, was uns wichtig ist und wovon wir glauben, dass auch der Andere daraus neue Denkanstöße schöpfen kann.

Du fragst mich nun nach unserem „Denkort der Begegnung“, worauf ich dir entgegnen möchte, dass ich es langweilig fände, mich prinzipiell auf einen Ort festzulegen zu wollen, der als immer gleicher Ort der Begegnung fungieren sollte. Selbst wenn sich der Eine in Paris, der Andere in London aufhält: Wir werden uns schreibend zu finden wissen. Wir werden die Worte des Anderen aufgreifen und uns – in aller Offenheit – das herausnehmen wollen, was wir darin zu finden glauben. Wir werden uns mit jedem Brief einer gegenseitigen Prüfung unterziehen, ohne uns dabei ängstlich oder angespannt wie vor einer Prüfungskommission vorkommen zu müssen, weil es uns nicht darum gehen kann, die richtigen Antworten auf belanglose Fragen zu geben, sondern wir uns darauf verstehen wollen, die richtigen Fragen auf letztendlich kaum Beantwortbares zu stellen.

Wenn du glaubst, mir die Möglichkeit bieten zu müssen, meine „Gedanken ganz aufschließen zu können, nichts zurückbehalten zu müssen“, vergisst du, dass es uns eben nicht darum gehen kann, mit einem Male alles von uns loszuwerden, was tief in uns schlummert, nein, es sollte uns immer um die Auseinandersetzung mit dem Anderen in der augenblicklichen Empfindung zu tun sein. Es wäre verfehlt, mit einem festen Vorsatz einen Brief schreiben zu wollen und im Vorhinein schon einen genauen Plan davon zu haben, was man in ebendiesem Brief zum Ausdruck bringen will. Wer – wenn nicht du! – weiß, was der Augenblick in seiner Offenheit gewähren kann?

Die Fragen „Wie ist deine Herangehensweise an Bücher? Wie findest du deine Bücher? Liest du zielorientiert, suchst dir themenbezogene Bücher heraus oder orientierst du dich an den bekannten Namen?“ werde ich dir nicht eindeutig beantworten können. Manchmal schnappe ich Zitate aus guten Büchern auf und setze dann alles daran, diese Bücher auch in ihrer Vollständigkeit lesen zu können, manchmal beschäftigt mich auch ein Thema so sehr, dass ich recherchiere, ob es bereits bedeutende Werke gibt, die sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, dann wiederum stoße ich ganz zufällig auf dieses oder jenes Buch in der Universitätsbibliothek, oder der unausgesprochene Kanon der Philosophie treibt mich dahin, weitere Werke eines „klassischen“ Philosophen zu lesen.

Abschließend möchte ich dir versichern, dass wir uns zweifelsfrei auch weiterhin denkend begegnen werden, wir sollten jedoch keineswegs darauf verfallen, uns Fragen aus den Fingern zu saugen, wenn wir es versäumt haben, die Aufmerksamkeit unserer Ohren auf die Zwischentöne in den Briefen des jeweiligen Anderen zu richten. Denn nur anhand dieser Zwischentöne lässt sich auch das Thema des nächsten zu schreibenden Briefes zumindest erahnen, wenn auch nicht in aller Konkretheit bestimmen. Das scheint mir eben die Kunst des Briefelesens zu sein, das aufmerksam aufzugreifen, was dem Anderen ein inneres Bedürfnis sein muss, auch wenn er es nicht explizit zum Ausdruck bringen kann: In diesem Sinne bleibe ich fraglos aufgeschlossen.

Beste Grüße
Egregantius