Egregantius

Monat: Juli, 2012

Urheberrechte und metaphysische Urgründe

Urheberrechte? Ein tückisches Wort! Wenn ein Urheber etwas aus dem Ursprung hebt, muß alles immer schon dagewesen sein.

© Aba Assa, (*1974), Essayistin

Ein bedenkenswertes Wort, das im Übrigen auch von Martin Heidegger stammen könnte. Tatsächlich empfinden wir es im tiefsten Grunde unseres Seins als lächerlich, wenn jemand auf seinem „Urheberrecht“ beharrt. „Ja, das hätte auch mir einfallen können!“, so melden sich die meisten, die man auf ein treffendes und doch leicht verständliches Zitat aufmerksam macht, zu Wort. Aber ist es denn wirklich so, dass alle vermeintlichen Erhebungen und Erfindungen, die des Nachdenkens wert sind,  im Grunde unseres Seins wurzeln und anwesen? Dass wir also nur unsere Anlagen entwickeln müssen, um irgendwann Ersprießliches zutage zu fördern? Können wir denn a priori mit den Mitteln unseres Verstandes und unserer reinen Vernunft Bahnbrechendes erdenken, das uns die Welt mit einem Schlage erkennen lässt? Immanuel Kant würde hier einhaken: „Nein, das können wir natürlich nicht, werfen Sie doch einmal einen Blick in das Antinomienkapitel meiner Kritik der reinen Vernunft!“ Und wenn sich nun seine Axiome, auf denen die Kritik fußt, logisch zerdenken und zergliedern ließen, wie ja auch schon viele den Versuch unternommen haben? Doch ist es überhaupt zulässig, mit den Mitteln der Vernunft die Vernunft zu untersuchen, wie es ein Kant getan hat? Was wäre denn, wenn man letztendlich vieles einfach beiseite wischen könnte, was sich der alte Kant so streng axiomatisch erdacht und gegengedacht hat? Wenn der Mensch plötzlich wieder frei wäre, die Dinge in der Welt in ihrer Reinheit und Offenheit zu erkennen und zu bestimmen? Angenommen, er könnte in die Unverborgenheit der Urgründe schauen, was hätte er denn eigentlich davon? Wenn er den Sinn vom Sein erkannt hätte, würde er dann überhaupt noch leben wollen? Könnte ein Schopenhauerianer sich dann die Hände reiben? Angenommen, der Mensch würde das Konstrukt von Welt vollständig kennen (sofern sich denn überhaupt von einem Konstrukt sprechen lässt), in das er wie ein mehr oder weniger bedeutungsloser Koordinatenpunkt eingespannt ist, wäre es nicht eine zu große Belastung für ihn? Könnte er diese existenzielle Erfahrung überhaupt aushalten? Sollten wir uns denn nicht vielmehr bemühen in philosophischer Hinsicht etwas zu leisten, was uns hilft, mit unsrer eigenen Endlichkeit fertigzuwerden? Doch wissen die Menschen denn nicht schon längst, dass „sie im Tode mit ihrer gänzlichen Auslöschung zurückgeben, was sie als Seiende gewannen“, um meinen philosophischen Mentor Wilfried Kähler zu zitieren? Wenn man sich in der Welt so umsieht, so hat man doch einen berechtigten Grund, daran zweifeln zu wollen.

Warum ich mich auf Twitter eingelassen habe

Es gibt Menschen, die nicht verstehen können, warum ich mich auf Twitter eingelassen habe. Sie halten Twitter für einen Ort, an dem sich geistig Minderbemittelte schlechte Witze erzählen, an dem Prominente Belangloses aus ihrem Alltag zum Besten geben, oder an dem Marketingleute versuchen, einem irgendetwas anzudrehen. Jenen sei gesagt, dass sie Recht haben und dass es tatsächlich viel Quatsch und Unsinn bei Twitter gibt. Aber wenn man einen tieferen Blick unter die Oberfläche von Twitter wirft, entdeckt man auch Twitternutzer, die es wert sind, dass man ihnen folgt. Zugestanden, es erfordert viel Zeit und Geduld jene zu finden, für deren Inhalte man sich interessiert. Man weiß ja auch nie von vorneherein, worauf man sich eigentlich einlässt, wenn man anfängt, jemandem zu folgen. Denn die Tweets, die man künftig in der eigenen Timeline lesen wird, kann man nicht absehen und a priori erfassen. Doch man kann manchmal anhand der Gestimmtheit eines Twitterers erahnen, wohin die Reise gehen wird und die Freude ist umso größer, wenn man sich gerne und bereitwillig dazu durchringen kann, einen Teil des Weges mit diesen oder jenen Menschen zusammen zu gehen. Die lebensphilosophischen Ausführungen, in denen man sich als wandernder Galan ergeht, werden von jenen begleitet und diese Wahlverwandtschaften sind es, die uns helfen, unser eigenes Selbst besser kennenzulernen. Es gibt tatsächlich Tweets, die mich in meiner Jemeinigkeit berührt und ergriffen haben und auch, wenn ich weiß, dass ich die meiste Zeit bei Twitter wohl damit zugebracht habe, unliebsame Bots zu blocken und als Spam zu markieren, so bin ich doch dankbar für diese wenigen Tweets, die etwas in mir ausgelöst haben, die ein Ventil in mir geöffnet haben für geistige Anregungen, oder gar einen echten Gedanken, der des Nachdenkens wert wurde. Um auch andere an einigen dieser für mich bewusstseinserweiternden Tweets teilhaben zu lassen, hier einiges aus meiner kleinen Twitter-Aphorismensammlung:

Je länger man sich Gedanken macht, desto mehr machen einen die Gedanken.
@Agent_Dexter

Interpretationen erreichen Stellen, da kommt die Intention niemals hin.
@annelinja

Um berührt zu werden, muss man sich angreifbar machen.
@annelinja

Hat man seine Arglosigkeit verloren, muss man ’nen Charakter bilden.
@assenassenov

Träumen ist Nichtstun auf höchstem Niveau.
@charonsdead

Sobald du etwas behauptest, erleidest du unbewusst eine Niederlage.
@chresmos

Wenn jemand nicht bekommen kann, was er will, sorgt er mit einem Kompromiss dafür, dass es dem anderen genauso geht.
@chresmos

Wo du frei bist, da bist du gerne.
@dilDerman, Reply an mich am 6.7.2012

Was mich belehrt, belebt mich, und was mich nicht belebt, belehrt mich nicht.
@GregorBrand

für manche menschen hat man einfach nichts mehr übrig, weil sie schon zu viel genommen haben.
@ohaimareiki

Erst in der Resonanz des gestimmten Geistes wird die Präskriptur des Satzes zum Gedanken.
@PathosGalore

Großeltern. Benehmen sich ständig so, als ob sie sich bei dir für deine Eltern entschuldigen wollten.
@Poscoleri

Leute, die sich Dinge angucken und ab und an weggucken, damit sich Leute angucken, wie sie sich Dinge angucken… – Irgendwie überschaubar!
@pr1miTiv3

Im Sekundengerassel des Jetzt vernebeln die Stunden / Wer überblickt denn noch Tage bei diesem scheußlichen Lärm?
@Raventhird

immer dieselben sätze. man hat einen berechtigten grund, es anderen übel zu nehmen, wenn man nichts zu sagen hat.
@richterfrank

das genau und intensiv machen, was alle andere nur nebenbei erledigen. man muss nicht arrogant sein. introvertiert sein reicht aus.
@richterfrank

wie viele bücher liest man nicht mehr, bloss weil man sie sogleich erkennt.
@richterfrank

Wenn ich mich nicht überschätze, fühle ich mich von mir vernachlässigt.
@schriftsteller

Fremdes Glück macht mich neidisch, eigenes macht mich unerträglich.
@schriftsteller

Privatsphäre ist das Ergebnis gekonnten Schweigens.
@Semiose

Texte entstehen aus Gesprächen, die nicht geführt werden können.
@Semiose

Man muss mit sich rechnen, wenn man auch nicht auf sich zählen kann.
@toenz

Sanft backt die Abendsonne ein paar Erinnerungsreste für mich auf.
@toenz

Wörter umstellen den Sinn, während der Sinn die Wörter umstellt.
@toenz

Wer überlegt, unterliegt.
@toenz

Das Bewusstsein erzeugt eine Art Wirklichkeitsschaum dessen Gestaltlosigkeit das unreine Nichts beherbergt.
@toenz

Gardinengesiebte Blicke auf lauteres Sein.
@toenz

Der wunde Punkt am Ende des Satzes.
@toenz

Man vermutet unvermutete Hintergründe hinter unbegründeten Vermutungen.
@toenz

Sollte ich mal arbeitslos sein, werde ich es liebevoll als „Extravakanz“ umschreiben.
@UARRR

Wer die Hoffnung fahren lässt, sollte es sich nicht zu bequem machen auf dem Beifahrersitz.
@UteWeber

Ein guter Autor bricht ständig das Urheberrecht der unausgesprochenen Gedanken seiner Leser.
@UteWeber

Erziehung ist der Versuch, die Kinder auf das eigene Niveau herunterzuziehen.
@UteWeber

Das Ärgerliche am freien Willen ist, dass er mir immer vorschreibt, was ich zu tun habe.
@zeitweise

Was ist Solipsismus?“ „Das geht nur mich was an.“
@zeitweise

Die Mehrheit der Menschen hält sich für intelligenter als die Mehrheit der Menschen.
@zeitweise

Wer Probleme nicht ausstehen kann, versucht sie auszusitzen.
@zeitweise

Transparenz heißt eben auch, ertragen zu müssen, wie hässlich die Welt sein kann.
@zeitweise

„Tabus brechen“ – Neusprech für „Vorurteile bedienen“
@zeitweise

Wer nichts weiß, versteht die Welt nicht. Wer etwas weiß, versteht die Welt nicht mehr.
@zeitweise

Ein Werk ist in der Regel nach dem Tod des Urhebers für eine längere Zeitspanne geschützt als zu seinen Lebzeiten.
@zeitweise

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, Meinungsfreiheit sei ein guter Ersatz für Denken und Empathie.
@zeitweise

Über Wahrsagerei

Schon der alte Lichtenberg wusste, dass es sich vom Wahrsagen in der Welt wohl leben lässt, aber nicht vom Wahrheitsagen [siehe Sudelbücher J 787]. Auch auf die Gefahr hin, der Uneigentlichkeit zu verfallen (man siehe meinen letzten Blogeintrag) möchte in an dieser Stelle auf eine von mir persönlich eingelesene und bei Youtube hochgeladene Textstelle eingehen, in der Favorinus auseinandersetzt, warum man sich niemals bei einem Wahrsager oder einer Wahrsagerin die Zukunft deuten lassen sollte. Übrigens ist besagter Favorinus wohl ein lustiger Vogel gewesen, Philostratos erzählt in den Lebensbeschreibungen der Sophisten von ihm, dass er als Zwitter (!) dennoch „so hitzig in der Liebe [war], dass er von einem Konsul sogar des Ehebruchs beschuldigt wurde; mit dem Kaiser Adrianus hatte er einen Zwist, jedoch ohne es entgelten zu müssen.“

Doch genug der Plänkelei, folgendes steht in Aulus Gellius Attischen Nächten:

Entweder weissagen sie Unglück, was geschehen soll, oder Glück. Wenn sie Glück weissagen und (uns) täuschen, so wird man durch grundlose Hoffnung nur unglücklich gemacht; wenn sie Unglück vorhersagen und (uns etwas) vorlügen, wird man durch törichte Furcht sich abquälen; wenn sie aber wirklich einmal einen wahren Ausspruch tun, und es betrifft nur (kommende) Unglücksfälle, so wirst du von Stund an (schon wieder) im Geist und Gemüt dich unglücklich fühlen, bevor du noch es durch das Missgeschick (wirklich) wirst; im Fall sie aber künftiges Glück vorhersagen, so wird sich dann immer noch ein doppelter Schaden herausstellen, erstlich, die Hoffnungsspannung wird dich in deiner Ungewissheit nur abspannen und diese Hoffnungspein wird dir schon vorweg den zukünftigen Genuss an der Freude abstreifen. Daher muss man mit solchen Menschen, welche zukünftige Dinge prophezeien, durchaus sich nichts zu schaffen machen.

Dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen, aber zur besseren Übersicht hier meine Erklärung der Textstelle:

Es gibt also zwei Möglichkeiten, entweder wird man uns großes Glück oder großes Unglück vorhersagen.

Wenn man uns großes Unglück vorhersagt, ist der Fall vollkommen klar: Wir werden umso länger an der schlechten Vorhersage leiden müssen, je mehr wir dem Wahrsager/der Wahrsagerin Glauben schenken. Doch selbst wenn wir gegen den Aberglauben eigentlich gefeit sind, kann ich mir vorstellen, dass eine Aussage wie „Sie werden bald an einer unheilbaren Krankheit sterben“ oder ähnliches der Art dennoch seine – möglicherweise unbewussten – Spuren hinterlässt.

Wenn man uns nun großes Glück vorhersagt und dieses wider Erwarten nicht eintrifft, werden wir darüber natürlich unglücklich werden, außerdem wird – selbst wenn der Wahrsager aus Zufall mit seiner Glücksvorhersage richtig liegt – das Sehnen und Streben nach dem Glück, also die „Hoffnungsspannung“ uns dieses erwartete Glück verderben, weil es eben nicht mehr unverhofft und völlig unerwartet kommt, denn unsere Erwartungshaltung wird dadurch nur erfüllt und bestätigt. Doch vorangegangen ist eine lange Zeit des Wartens auf das Glück, im Text ist treffend von „Hoffnungspein“ die Rede.

Der Sturz in die Uneigentlichkeit

In diesem Blogeintrag möchte ich mit dem heideggerianischen Begriff der (Un-)Eigentlichkeit auf ein Phänomen unserer Zeit eingehen. Immer häufiger mache ich die Beobachtung, dass die Synchronizität der Stimmung eines Bloggers – oder generell eines Schreibers im Netz – verlorengeht und stattdessen einer Beliebigkeit weicht, die man treffend mit Contentschleuderei bezeichnen kann. Das Paradebeispiel eines Contentschleuderers ist in meinen Augen der twitternde Boris Becker, der mit Recht auch schon oft dafür gerügt wurde, denn er vermengt scheinbar willkürlich Privates und Öffentliches, was letztendlich dazu führt, dass jeglicher konstituierender Sinnzusammenhang seiner Tweets verloren geht. Der Mensch als in sich geschlossenes, individuelles Wesen verliert jene Individualität, wenn er nicht mehr einig mit sich selbst ist. Natürlich sollte man offen und nicht ganz dicht sein; für die Dinge, die einen interessieren allerdings, die einem selbst gemäß sind. Wer sich aber ständig nur von allen möglichen Dingen berieseln lässt, reichert sich nur mit uneigentlichem, unnützem Wissen an, ohne sich selbst auch nur im Geringsten zu bereichern, geschweige denn andere mit eigenen Gedanken bereichern zu können. Ich verzichte daher weitestgehend darauf, diesen Blog mit Zitaten, Videos, etc. zu füllen, damit mir selbst der Sturz in die Uneigentlichkeit erspart bleibt.

Warum dieser/dieses Blog?

Ich vermisse etwas. Ist es nicht vermessen, etwas zu vermissen, das nur in idealer Hinsicht gedacht werden kann? Wenn es also keinen Grund dafür gibt, es irgendjemandem übel zu nehmen, dass etwas Ureigenes nicht ausgefüllt, also vermisst wird? Dies soll keine Anklage sein, die mit Recht auch niemanden interessieren würde: Man glaubt heutzutage, dass Man sich interessieren sollte – Aber nur für Einen [sic!] selbst! Eine Regung bei Facebook, Twitter, etc. – Thumbs up! Der Inhalt interessiert nicht, aber das Interesse, auch wenn es uninteressant ist. Was sind wir denn geworden? Verkapselte Monaden, die durch Fenster bestaunt werden wollen, ohne selbst einmal einen tieferen Blick in die Außenwelt zu werfen – und dabei vielleicht etwas einzufangen, was man zur intellektuellen Betrachtung und Reflexion heranziehen könnte. Gewiss, Man sieht, schaut und hört. Man schnappt auf, betreibt Smalltalk und konsumiert Filme, Bücher und Videos. Doch wozu tut Man das? Um mitreden zu können, um auf dem Laufenden zu sein. Man interessiert sich für politische Themen, wer tut das heutzutage nicht? Wer hat keine Meinung zur Bundesregierung, der Eurokrise oder dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan? Doch wo bleibt Man selbst? Wer ist Man selbst? Das ist die Frage nach der Eigentlichkeit, dem Sinn vom Sein des Daseins. Ich werde ihr in Zukunft nachgehen, unter anderem auf Heideggers Holzwegen.

Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein.