Über Erwartungshaltungen

von Egregantius

Erwartungshaltungen sind oft unstatthaft, wenn sie fordernd ein sehr spezifisches intrinsisches Bedürfnis nach außen verlagern, das in den seltensten Fällen auch nur ansatzweise erfüllt werden kann. Doch sind Erwartungshaltungen darum etwas Schlechtes und etwas, das man aus dem Bewusstsein möglichst ausradieren sollte? Nein, denn kein Normalsterblicher (auch kein Stoiker!) wird gänzlich frei von Erwartungshaltungen sein und den Versuch zu unternehmen, diese gänzlich aus dem Bewusstsein auszuradieren, grenzt an ein unmögliches Unterfangen. In den trivialsten, alltäglichen Situationen hegen wir gewisse Erwartungshaltungen (basierend auf Konventionen), die möglichst passgenau erfüllt werden müssen: Ist dies nicht der Fall, sind wir möglicherweise verwirrt, oder aber auch schwer schockiert.  Um jedoch das eigentliche Bewusstsein für die Problematik, die mit den Erwartungshaltungen einhergeht, zu schärfen, ist es zunächst einmal wichtig, dass man sich im Klaren darüber ist, was diese Erwartungshaltungen eigentlich sind: Tatsächlich handelt es sich hierbei um Projektionen des eigenen Ichs, das diese wiederum im Laufe seines Lebens u. a. durch Sozialisation (kulturelle Prägung, etc.) erworben hat. Ist dieser erste, recht leicht zu vollziehende Erkenntnisschritt geschafft, geht es nun daran, die Erwartungshaltungen aktiv an das eigene Selbst zu richten, sie daran zu justieren und sich im Klaren darüber zu werden, wer man überhaupt ist und was die eigene Persönlichkeit ausmacht. Danach wird man den Fehler nicht mehr begehen und von anderen vollkommen unreflektiert das erwarten, was man im tiefsten Innern mal mehr, mal weniger bewusst eigentlich von sich selbst erwartet. Dann können in dieser Hinsicht Aufgeklärte zumindest

„ohne demutsvollen Blick auf eine Leitgestalt ihr Geschick selbst in die Hand nehmen“

und sind damit

„keinem gesellschaftlich vorgegebenen Ideal [mehr verpflichtet], sondern ihrem eigenständig denkenden Selbst“

wie es mein philosophischer Mentor Wilfried Kähler in seinem letzten Werk „Non, rien de rien…“ formuliert. Wie ich bereits anmerkte, ist kein Normalsterblicher frei von bestimmten Erwartungshaltungen und  darum will auch ich nicht verhehlen, dass ich gelegentlich mit falschen Erwartungshaltungen an eine Sache herangehe: Meine Erwartungshaltung im Hinblick auf das Buch „Klick mich“ von Julia Schramm beispielsweise war überaus verfehlt, denn ich rechnete nicht damit, dass die Autorin darin eine charakterlose Proteuskreatur mimen würde, die sich in narzisstisch-selbstdarstellerischer Weise unangreifbar dünkt, weil sie sich kaum begreifbar über Netzthemen äußert. Nein, ich erwartete ein zumindest ehrliches, wenn auch nicht sehr anspruchsvolles Buch über die gegenwärtige Netzkultur. Ich wurde in diesem Fall also schwer getäuscht von meiner eigenen Erwartungshaltung (die in diesem Fall zumindest nicht von meinem eigenen Selbst durchtränkt war, sondern von einem falschen Eindruck im Vorhinein herrührte!), was zur Folge hatte, dass ich von diesem Buch anfangs überaus schockiert war. Mittlerweile kann ich zwar Entwarnung geben, dass meine Erwartungshaltung sich den gegebenen Umständen angepasst hat, allerdings macht das die Lektüre mit der nun adjustierten Erwartungshaltung auch nicht weniger nervenaufreibend… Vielleicht sollte man grundsätzlich einfach mit einer gewissen hoffnungsfreien Gelassenheit mit seinen Erwartungshaltungen umgehen, die ja im übrigen auch nicht immer problematisch sind: Dann nämlich sind sie es nicht, wenn sie zu einem großen Teil mit den erwarteten Begebenheiten übereinstimmen (was übrigens auch oft genug der Fall ist!).

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