Über das Gewissen

von Egregantius

Kann ein Mensch vollkommen gewissenlos leben? Oft genug haben wir den Eindruck, dass dies kein Ding der Unmöglichkeit ist. Jedenfalls versichert uns Otto von Bismarck[1] mit dem Zitat:

“Wenn dein Gewissen rein bleiben soll, darfst du es nicht benutzen.”,

dass man durchaus problem- und bedenkenlos mit einem absolut reinen Gewissen leben kann, obwohl man möglicherweise sehr viel Dreck am Stecken hat.

Doch wie verhält es sich eigentlich mit einem guten oder schlechten Gewissen? Das schlechte Gewissen ist jedenfalls insofern ein gutes Gewissen, weil die moralische Komponente darin eine Rolle spielt, andernfalls würden wir von Gewissenlosigkeit sprechen. Daher ist es auch eigentlich unstatthaft, von einem „schlechten Gewissen“ sprechen zu wollen, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man mit sich selbst nicht im Reinen ist, weil man möglicherweise etwas in moralischer Hinsicht Fragwürdiges getan hat. In meinem ersten Aphorismenband „Zersplitterte Gewissheiten“ stelle ich darum die provokative Frage auf:

„Warum ist das Gewissen „schlecht“, wenn es die Wahrheit erkennt?“[2]

Machen wir uns keine Illusionen: Natürlich ist ein schlechtes Gewissen immer lästig und plagend, aber es gibt meist auch einen berechtigten Grund, warum es sich einstellt. Und wenn es sich nicht einstellt, kann man sich vielleicht glücklich schätzen, weil man dann wohl ein grober oder durchtriebener Mensch ist, der keinerlei moralisches Empfinden hat. Ganz in dem Sinne eines solchen Menschen könnte man pragmatisch denkend sagen:

„Nimmt man ein schlechtes Gewissen in Kauf, muss man eigentlich keins haben.“ (Konrad Toenz via Twitter, 10.10.2012)

Denn wer bewusst ein schlechtes Gewissen in Kauf nimmt, ist selber schuld. Schließlich braucht man es ja nicht, um glücklich zu sein.

Wie dem auch sei, davon abgesehen vertrete ich im Übrigen die Auffassung, dass sich das Gewissen im Laufe des Lebens erst konstituiert und nicht a priori angeboren ist, wenngleich im Menschen die Anlage zu dessen Kultivierung gegeben ist.


[1] Ich konnte leider keine Quelle für dieses zugeschriebene Zitat ausfindig machen.

[2] Zersplitterte Gewissheiten, [2009], S. 60

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