Egregantius

Tag: Philosoph

Perhorreszierende Perzeptionen (XII)

[1] Wie gewollt ist eigentlich unser Wollen?

[2] Man kann sein Kapital auch in ein großes Unvermögen verwandeln.

[3] Sobald ein Philosoph sein Denken lieben lernt, verlernt er es vollständig.

[4] Gehören unsere Träume uns, oder gehören wir unseren Träumen?

[5] Wer im Einklang mit sich ist, kann nicht so berauschend klingen.

[6] Es gibt kein wahres Lesen ohne Genesegenuss.

[7] Die Selbstgespräche von Taubstummen sind vermutlich am ergiebigsten.

[8] Wenn das Universum deterministisch ist, dann hat es alles für Nichts gegeben.

[9] Das Schicksal der meisten: So fertig mit der Welt zu leben, als hätten sie sich ausgelebt.

[10] Festzuhalten bleibt, dass festgehaltene Sätze fast immer unhaltbar werden.

Perhorreszierende Perzeptionen (VIII)

[1] Jeder Mensch ist genauso anders, wie alle anderen.

[2] Was der Ideologe sehen will, soll immer auch auf seine Weise gesehen werden. Was der Ideologe gerade nicht sehen kann (weil er nie genau hinsehen will), wird daher von seinen Anhängern zunächst mit schlechtem Gewissen zur Kenntnis genommen, um danach geleugnet, relativiert oder zur infamen Lüge deklariert zu werden.

[3] Das Alte wird zur fortwährenden Neuigkeit, wenn es immer wieder neu erkannt wird. Da das Alte immer wieder neu gesehen werden kann, gibt es tatsächlich nur Neues unter der ständig neu aufscheinenden Sonne.

[4] Auf frischer Wahrheitstat wurde noch kein Philosoph ertappt. Vielleicht werden Philosophen darum so gerne umstandslos von der Nachwelt verurteilt?

[5] Das lange schon vernachlässigte Unterfangen der Philosophie wird nicht mehr wiederzubeleben sein, wenn auch die Menschen der Zukunft nur noch bedenkenlos zufriedengestellt sein wollen.

[6] Es gab noch kein Menschenleben, das am Ende gut ausging.

[7] Die meisten können nur das sehen, was alle sehen, weil sie unbedingt sehen wollen, was alle sehen.

[8] Für unseren unwiderruflich gewordenen Fortschritt haben wir das eine oder andere endgültig fortschaffen müssen. Dabei ist das vorläufige Ergebnis des unaufhaltsam voranschreitenden Fortschritts abscheulich genug anzusehen.

[9] Wer keine Tiefe hat, ist oft noch schlau genug, seine leicht fassliche Oberfläche so auszuleuchten, dass andere sie in ihrer makellosen Reinheit zelebrieren dürfen.

[10] Habt immer auch ein Einsehen, wenn ihr zusehen müsst, wie andere die Welt sehen.

Perhorreszierende Perzeptionen (VII)

[1] Was sich für andere längst erübrigt hat, bleibt für den Philosophen oft ein Übriges, zu Betrachtendes.

[2] Weil die gut Informierten alles längst durchschaut haben wollen, stellt kaum mehr jemand wagemutige Mutmaßungen an.

[3] Wer Wesentliches aus sich hervorscheinen lassen will, hat vor sich zurückzutreten, um das Prächtige in aller Ruhe auf sich einwirken lassen zu können.

[4] Was der Philosoph neu denkt, wollen sich alle immer längst gedacht haben. Dass sie sich nichts dazu denken konnten, ist dann allerdings sehr zu bedauern.

[5] Wenn Realsatire Dauerzustand wird, kann sich gute (irritierend-amüsante) Satire eigentlich nur noch auf die wahrheitsgetreue Abbildung der Wirklichkeit verlegen und wird dadurch geradezu journalistisch.

[6] Was nicht gehen kann, wird rasend gemacht.

[7] Wer sich von seinem Eigenwissen durchdringen lässt, wird bereits auf seine Weise gebildet sein, wenn er dem inhärenten Wissen nur die nötige Zeit gibt, sich in ihm und durch ihn zu konkretisieren.

[8] Jeder moderne Autor muss schlicht und ergreifend die Tatsache anerkennen, dass man auf ihn gut und gerne verzichten könnte. Denn man wird in der Weltgeschichte keinen einzigen Autor vermissen, der nie gekannt wurde, der vielleicht sogar aus guten Gründen nie gekannt sein wollte.

[9] Wer einer Dummheit, die er leidenschaftlich anprangert, nie auf den Grund gegangen ist, ist sogar noch dümmer als die Dummen, die vielleicht nur aus Naivität unwissend oder aber dummdreist sind und sich dann eben nur aus Kalkül in ihrer ganzen Dummheit sehen lassen wollen, um in ihrer natürlichen Stumpfsinnigkeit so geliebt werden zu können, wie sie eben gerne sind.

[10] Was die einen so vermeinen, haben andere zu vermögen.

Perhorreszierende Perzeptionen (III)

[1] Wenn man sich etwas zu Gemüte führt, sollte es auch mal ungemütlich werden dürfen.

[2] „Sozial ist, was Muße schafft.“ (Pereant qui ante nos nostra dixerunt.)

[3] Wer es sich in einer Philosophie bequem macht, wird sie verfehlen.

[4] Es steht zu vermuten, dass manche nur aus bequemlicher Unwissenheit unbequeme Wahrheiten vermuten wollen, um aus eitler Schwatzsucht unmaßgebliche Mutmaßungen anstellen zu können.

[5] Wer das eigenmächtige Denken wagt, wird nicht unverschont bleiben.

[6] Die Sorge des Philosophen ist mit, während und nach Erledigung seiner Besorgungen da.

[7] Ein kultivierter Mensch braucht andere zu seiner Unterhaltung nicht, weil er durch sich selbst zum Ereignis seines Lebens wird und damit bereits ein spannendes und spannungsreiches Leben hat.

[8] Wie kommt man eigentlich dazu, Mensch zu sein? Warum ist man gerade Mensch geworden und konnte im Hier und Jetzt nichts anderes werden?

[9] Wer versteht schon sein Verstehen? Nur die Unverständigen haben ihr Selbstverständnis.

[10] Wo alles längst vertan wurde, gibt es kein Vertun mehr.

Perhorreszierende Perzeptionen (II)

[1] Philosophen, seht euch vor!

[2] Die einen erwarten Dinge, die andere umstandslos zu gewärtigen haben.

[3] Ich fürchte, dass wir unaufgespürt dahinschwinden.

[4] Philosophen spüren genau den Dingen nach, die andere nicht mehr wahrhaben wollen.

[5] Das Unmögliche war und bleibt nie vollkommen unmöglich.

[6] Von Tag zu Tag verwirklicht sich Unwirkliches.

[7] Es existiert kein Satz, mit dem ein für alle Mal genug ausgesagt worden ist.

[8] Was zu denken ist, befindet sich unablässig im Aufbruch und wird niemals ausgedacht vorliegen können.

[9] Philosophen wollen einmal sehen, was keines Blickes mehr gewürdigt wird.

[10] Was fällt dir eigentlich ein?! Darauf darfst du gespannt sein.

Über unsere Freiheit

Auszug aus einer Email an Stefan Dehn:

Seit einiger Zeit treibt mich folgender Tweet gedanklich um:

Unsere Freiheit ist die von Freigängern.

Nach der Ernüchterung, die sich durch diesen aussichtslos scheinenden Satz einstellt, folgt die Erkenntnis, dass es jedem Freigänger zumindest frei steht, sich seine Zelle (mitsamt der Körperzellen) und den geregelten Freigang auf seine Weise zu Nutze zu machen. Während es sich ein unbeugsamer Philosoph seiner leibeigenen Gefangenschaft zu Trotz nicht nehmen lassen wird, in stoischer Manier den offenherzigen Austausch mit Denkfreunden während seines Freigangs in der rundum abgeschirmten, überwachten Säulenhalle zu wagen, trifft ein engstirnig-fanatischer Ideologe für sein eigenes Leben die Entscheidung, lieber mit einer kleinen, abgeschirmten (Terror-)Zelle vorlieb zu nehmen, in der er in seiner verstörend-ungestörten Aussichtslosigkeit noch Sklave seiner gewaltfantastischen Hirngespinste sein darf. Daneben dürfen in der mehrheitsfähigen Parallelgesellschaft nach wie vor diejenigen munter vor sich hinleben und Vorgegebenes konsumieren, die als Freigänger (= wandelndes Sicherheitsrisiko) gerade noch geduldet sind, aber zu ihrer eigenen Sicherheit allesamt schon einmal vorsorglich unter panoptische Aufsicht gestellt wurden.

Garantierte Expektorationen (XXVIII)

[1] Es sollte wieder mehr grundlos verunsicherte Philosophen geben.

[2] Zu viel des Guten lässt Unvermögende schlecht werden.

[3] Wenn alle gut informiert sind, weiß kaum mehr jemand, was eigentlich los ist.

[4] Das Unmerkliche ist äußerst bemerkenswert.

[5] Zufriedengestellte Philosophen sind vollkommen unbrauchbar.

[6] Unbegründetes unterhöhlt allzu Offensichtliches, um nur den bloßen Anschein zu hinterlassen.

[7] Was die Wenigsten einsehen wollen, hat der Philosoph darzulegen, weil es in seinen Augen zu naheliegend ist.

[8] Denkende verfangen sich vor allen anderen in den Netzen, die sie auswerfen, um Eindrücke von ihren natürlichen Denkräumen zu gewinnen.

[9] Wenn sich das Denken in einem Menschen einmal Bahn gebrochen hat, wird er so schnell keine Ruhe mehr vor sich haben.

[10] Unkultur, die sich nicht mehr verorten lässt, wird allerorten sein.

Garantierte Expektorationen (XXVII)

[1] Ich sehe mich immer wieder dazu gezwungen, meine Freiheit in Anspruch zu nehmen.

[2] Ein Philosoph ist selbst in seiner Isolation gemeinnützig organisiert.

[3] Wer sich selbst entgegenkommt, lebt gefährlich, weil er von sich überrumpelt werden könnte.

[4] Alles war schon einmal da.
Nur das Nichts bleibt, wie es immer war.

[5] Der selbstsichere Philosoph: Das Unding an sich.

[6] Über lesenswerte Bücher muss man erst stolpern, weil sie nicht mehr gelesen werden, oder überhaupt noch von niemandem gelesen wurden.

[7] Was man von sich gibt, darf nicht einfach so dahergesagt sein!

[8] Die meisten sind Universalbelehrte.

[9] Wer sich einmal voll und ganz auf sich eingelassen hat, wird nichts mehr zu verlieren haben.

[10] Die Verlegenheit des Philosophen hat ihren Grund darin, dass dieser sich grundsätzlich in Frage zu stellen hat.

Garantierte Expektorationen (XXVI)

[1] Wer schreibt, was er denkt, wird oft geringgeschätzt, weil die meisten Menschen nur das lesen wollen, was alle zu denken haben.

[2] Es gibt wohl nichts Praktischeres, als eine gute Verschwörungstheorie!

[3] Wertmaßstäbe können auch Entsetzen auslösen.

[4] Philosophen haben leider immer nur unsterbliche Ideen anzubieten, die kaum jemand auch nur eines Blickes würdigen will, weil jeder weiß, dass sie sich nur unter Wert verkaufen lassen, in ökonomischer Hinsicht also wertlos sind.

[5] Wer denkt denn schon noch einfach so vor sich hin?

[6] Denkerleben lässt sich nicht in Sätzen festmachen.

[7] Viele glauben, nur das Alte zu sehen und werden darum dummerweise neugierig.

[8] Es wird fast immer nur auf das Wissen Wert gelegt, das man wissen soll.
Was man wirklich weiß, findet kaum jemals Anerkennung.

[9] Da sie nicht wissen, wie sie ihr Leben zubringen sollen, konsumieren sie, stopfen sich also solange mit Wohlstandsmüll voll, bis sie endlich keine Ahnung mehr von sich haben.

[10] Solange du Gehaltvolles von dir gibst, werden die meisten dich für einen unverbesserlichen Langweiler halten und ihr Vergnügen lieber anderswo suchen.

YouNow-Gespräch mit einer 17jährigen

Dieses Gespräch wurde am 5.3.2015 geführt

[Egregantius:] Was macht das Leben lebenswert?
Freunde, Familie, einfach wenn man glücklich ist! Das macht das Leben lebenswert, finde ich. (Trinkpause) Das Leben lebenswert macht einfach alles, das komplette Leben! Auch wenn man traurig ist, das gehört zum Leben dazu und das [Leben] ist auch eher lebenswert: Auf jeden Fall! […]

[E.:] Wer hat Gott eigentlich erschaffen, damit er Gott werden konnte?
Ich glaube nicht an Gott, das ist meine Theorie […] Ich denke […] eigentlich, dass alles sehr biologisch und alles mit dem Urknall und so [erklärbar ist]… Ich denke nur, weil man sich den Urknall nicht erklären kann (oder die Welt oder so), es gab einmal ein übermenschliches Wesen, das die Welt da hingestellt hat und danach kam die Biologie und es hat sich alles selbst entwickelt, das ist meine Auffassung der Welt. Aber wenn, dann finde ich den Buddhismus sehr cool, dieses ständige Kreisen von wegen „Du stirbst und wirst dann wiederbelebt“, genau: Erwachst dann wieder! […] Ich hoffe, ihr genießt mein philosophisches Gelaber! […] Natürlich, es gibt bei jeder Religion irgendwas […] wo man den Kopf schütteln kann, sodass die Buddhisten glaube ich daran glauben, wenn du behindert auf die Welt kommst, dann hast du in deinem vorherigen Leben was falsch gemacht… Aber ich finde halt eben die Gedankenweise, wie sie sich das erklärt haben, die Welt, find‘ ich halt eben richtig cool, dafür sind Religionen halt da, um sich die Welt zu erklären und nach Regeln zu leben.
[…] Für alle, die neu dazugekommen sind: Wir reden grad über Philosophie! Falls euch das nicht interessiert, könnt ihr mich anstarren…

[E.:] Ist der Mensch zur Freiheit verurteilt?
Wir sind nie richtig frei […], wir haben immer irgendjemanden, der uns irgendwas vorschreibt, sei es Eltern, seien es Freunde, einfach nur durch Gruppenzwang, oder sei es sonst was. Ich meine, wirklich frei sind wir nie und so schlimm ist es auch gar nicht, find‘ ich, solang‘ man seine Meinungsfreiheit hat, oder Pressefreiheit – also die wirklich wichtigen Dinge –, ist es nicht wirklich schlimm, sich bevormunden zu lassen. Ich hab‘ grad Kant zitiert, ja. Ähm, also das mit dem Vormündeln das hat er ja auch gesagt, deswegen. […]

[E.:] Was soll nach deinem Tod von dir in Erinnerung bleiben?
Eigentlich meine Haare, also mein ganzer Mensch, meine Person […]! Auf jeden Fall […] wie ich war, meine guten Taten, meine schlechten Taten, einfach so, dass man mich nicht vergisst! […] Aber ich fänd’s auch cool, wenn man wirklich sowas hat, dass man ein bisschen berühmt ist, dass die Leute, wenn sie wirklich – also nicht nur Freunde, sondern auch so Leute, die zum Beispiel dein Buch oder sowas gelesen haben – fänd‘ ich auch cool, wenn das von mir in Erinnerung bleibt! Wenn irgendwie in der Schule eine Klausur über mich geschrieben wird in Philosophie oder so, das fände ich richtig cool!

[E.:] Glaubst du, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält?
Der Wille! Der Wille, zu leben! Das fällt jedem eigentlich ein. Natürlich, es gibt ein paar Selbstmorde, ja, aber im Grunde entscheidet sich eigentlich das Selbstbewusstsein, also dieses Lebensgefühl! Dieser Wille zu leben schaltet sich eigentlich ein, sobald man einmal in Gefahr ist, oder sobald man kurz vorm Sterben ist, da schaltet sich wirklich der Wille ein, das hält eigentlich alles zusammen, die ganze Welt: Egal, wie verschieden die Menschen sind, eigentlich ist es so!

[E.:] Ist der Livestream für dich ein Tor zur Welt, oder bist du mit dem Livestream in der Welt?
Eher das zweite. Weil, ich bin ja sozusagen in der Welt und ihr seid sozusagen das Tor, also ihr seid – oder beides?! – also ihr seid halt eben… ihr könnt euch entscheiden, ob ihr durch das Tor des Livestreams geht und mich guckt und in bin mitten in der Welt! Und jeder kann mich hier betrachten. So sehe ich das. (gestikuliert mit der Hand: Ah, das Tor, das Tor!)

[E.:] Was läuft in unserer Gesellschaft eigentlich falsch?
In unserer Gesellschaft läuft viel falsch! […] Es läuft ziemlich viel falsch, vor allem, dass man einfach… diese fehlende Akzeptanz einfach nur von Leuten, die anders sind. Also alles was man nicht kennt, wird erst einmal direkt gehasst, verabscheut, abgelehnt bis es sich irgendwie eingetrudelt hat oder normal geworden ist, das ist halt eben das falsche. Auch dass man halt eben alles mitmacht, dass die Gesellschaft alles mitmacht, auch so modisch jeden Trend mitmacht, das alles – find‘ ich –, geht falsch… Aber ich wüsste auch nicht, wie man das ändern kann: Man kann den Leuten nicht einfach sagen: Akzeptiert das jetzt! Jeder hat noch ne eigene Meinung. Ja.

[E.:] Wie stellst du dir eine ideale Gesellschaft vor?
Eine ideale Gesellschaft? Ähm, viele Individuen auf jeden Fall, auch dass die akzeptiert werden, also wirklich heißt das [jetzt] nicht, dass jeder so rumlaufen muss wie ich, oder sich die Haare färben muss wie ich, sondern wirklich auch: Viele Individuen, alle werden akzeptiert, so wie sie sind, aber eben auch nicht, dass sie eben sagen, du musst mich akzeptieren, wenn ich jetzt hier in nem Haus einbreche! Ja, jeder soll einfach machen dürfen, was er will, solang‘ es halt eben zu den Gesetzen passt und nicht zu übertrieben ist! Ja, das wär‘ eben die perfekte Gesellschaft, also diese Akzeptanz wär mir eigentlich sehr, sehr wichtig, ei ja, und wenn eben jeder wirklich gleich behandelt werden würde! Also wie Kant schon sagt, dieses: Handel nach der Maxime, dass sie für dich eine Regel oder ein Gesetz darstellen könnte: Das find‘ ich super! Ich mag sogar Kant, der hat richtig viele gute Sachen gesagt! Ideale Sachen…
Was mich mal übrigens interessieren würde, wie stehst du – also der Philosoph – zu Utilitaristen? Weil ich mag die überhaupt nicht…

[E.:] Welcher Philosoph interessiert dich am meisten?
Bisher Kant. Ich find‘ den richtig cool! Und mich interessiert – okay, das sind jetzt nicht unbedingt Philosophen – die Einstellung der Solipsisten, also die denken ja, dass alles auf der Welt, oder was wir sehen, dass alles nur ne Täuschung ist: Ich meine, wenn ich so einen kennen würde, ich fände es richtig cool, mich mal mit dem zu unterhalten, wie er darauf kommt und so. Okay, der würde mich nicht wahrnehmen, also nicht für ernst, aber: Cogita esta sunt [Anm.: Cogito ergo sum ist gemeint], das find ich cool! Also ich denke, deshalb bin ich.
——–
[Frage eines anderen Chatteilnehmers:] Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Ja, ich glaube an den Buddhismus: Dass man eben weiterlebt, das find‘ ich cool! Dieses Denken, dass man halt eben wiedergeboren wird find‘ ich ganz cool, ich find’s besser als im Christentum; sodass du […] in den Himmel kommst und deine Familie wiedersiehst: Wenn da wirklich jeder Mensch seine Familie wiedersieht, dann müsste der Himmel total überfüllt sein, […] sodass du da kaum Platz hast, weil so riesig ist die Welt jetzt auch nicht, dass du für jeden da Platz hast! […] Das Christentum ist irgendwie überhaupt nichts für mich.

[Frage eines anderen Chatteilnehmers:] Was ist der Sinn des Lebens?
Einfach leben.

——–

Gespräch vom 8. März

[E.:] Ist der Mensch vernunftbegabt?
Er ist vernunftbegabt, würde ich sagen! Jeder Mensch ist vernunftbegabt, wie Kant schon sagte: Er geht ja davon aus, dass Menschen Vernunft haben und ja, jeder nutzt seine Vernunft irgendwann… es ist dann immer die Frage der Moral, was manche Leute vernünftig halten, was nicht! … Da können Leute drüber streiten, ob man jetzt Vernunft benutzt, oder nicht… aber ja, ansonsten hat ein Mensch Vernunft!

[E.:] Hast du einen großen Traum?
Ich fänd’s cool, mit der Philosophie und dem Sport mein Geld zu verdienen! Keine Ahnung… aber nicht mal eben auf Lehramt, sondern wirklich was Eigenes, zum Beispiel Sport… keine Ahnung, bei McFit in irgendnem Sportstudio arbeiten… und gleichzeitig eben Philosophie machen und das fände ich eben richtig cool, dann wäre so mein größter Traum erfüllt, wenn man sich damit finanzieren könnte! […]

[E.:] Glaubst du, dass Tiefphasen im Nachgang erfüllend sein können?
Ja, ich finde, Tiefphasen gehören zum Leben dazu und man lernt daraus! Zum Beispiel, wie man es verhindert, in diese Tiefphasen zu kommen und deswegen gehören sie eigentlich dazu und die haben den Nachgang, dass man danach erfüllter ist und diesen Fehler nie wieder macht!

[E.:] Was hältst du von dem Satz „Das Begreifende im menschlichen Geist verwirrt sich deswegen so oft, weil es sich selbst begreifen will.“?
(Schmunzelt.) Der Satz ist cool! Der Satz ist… So, ihr hört auf zu schreiben, damit ich mir über den Satz Gedanken machen kann! […] Ich find’s cool… so wie man sich das bildlich vorstellt: Da oben sitzt ein Kleiner und denkt so: „Ja, was mach‘ ich hier?! Wer bin ich überhaupt?“ (Lacht.) Wie so ein Paranoider! Ne, ich find’s cool und ich finde, dass [es] stimmt! Wir begreifen alles um uns herum, aber uns selbst begreifen wir meistens nicht! […]

[E.:] Was ist Wahrheit?
Wahrheit ist… die Wahrheit kann sowohl Erkenntnis sein, also auch: Einfach nicht lügen, also immer das Richtige sagen, niemanden anlügen, was irgendwie klar ist… Ähm, ja. Die Wahrheit kann Erkenntnis sein, die Wahrheit kann einfach nur „Das Richtige sagen!“ sein… Ganz viel!

[E.:] Wozu ist das Böse gut?
Das Böse? … […] Das Böse ist eigentlich dazu gut, hm… ich weiß gar nicht, ob es überhaupt zu etwas gut ist! Also es gibt ja verschiedene Arten von Böse-sein, deswegen… dieses Schadenfreude [haben] ist ja auch böse, das dient ja eigentlich nur einem selbst… dass man sich selbst besser fühlt und dass man dann eben über andere lacht und man sich halt eben denkt: Gut, dass mir das nicht passiert ist! Also, sozusagen, zur Selbstbelustigung ist das gut… Dann gibt es eben noch dieses pure Böse, da will man anderen einfach nur schaden, also: [Das] Böse dient eigentlich immer nur dazu, sich selbst besser zu fühlen, oder sich selbst – wie drückt man das aus?! – in ein besseres Licht zu rücken, oder halt eben einfach nur sich selbst zu bereichern, zu belustigen… jo.

[Ein Chatteilnehmer schreibt?] Das Böse ist dazu gut, es dem Guten schwer zu machen.
Ja, eigentlich schon! Oder du kannst auch böse und gut sein: Du kannst böse zu deinen Feinden sein und gut zu deinen Freunden! Und da machst du es ja keinem von beiden schwer! Und ich mein‘, du kannst auch böse sein und das hindert dich ja nicht daran, an diesem [oder jenem] Tag gut zu einer Person zu sein… Das ist pure Philosophie, Justin! (Lacht.) Also es [das Böse] ist nur dazu da, um sich selbst zu bereichern, würde ich jetzt mal so sagen!

[E.:] Von Plotin gibt es in diesem Zusammenhang den Satz: „Hat ja doch die Schlechtigkeit selbst manches Nützliche und bringt auch viel Schönes hervor, z.B. alle Kunst-Schönheit, und regt zum Denken an, indem sie nicht in Trägheit schlafen lässt.“                                                                                                                                                          Plotin hat Recht, da stimme ich ihm zu! […] Ja, okay: Wer böse ist, muss auch was planen können… Ja, aber es ist ja eigentlich nichts Gutes, also wahrscheinlich sieht er ja die Trägheit als etwas Schlechtes an, darüber lässt sich auch wieder streiten! Immer dieses: Dass Philosophen etwas annehmen, ohne es zu erklären, oder was ein anderer… Das stört mich an Philosophen, dass die meistens sagen – zum Beispiel Kant – ja, die Vernunft ist da, jeder Mensch ist vernünftig! Und da kann man ja auch drüber streiten: Das heißt, er nimmt es einfach so an! Das ärgert mich ein bisschen an fast allen Philosophen, weil die das fast alle nicht erklären und von Anfang an feststellen: So, das ist so! Punkt.

[Frage eines anderen Chatteilnehmers?] Was drückt der Glaube eines Menschen aus?
Er drückt aus, wie ein Mensch sich die Welt erklärt: Also je nachdem, wie stark einer nach einem Glauben handelt, zum Beispiel nach Gott… Wenn jemand richtig streng christlich ist, dann stellt er sich so die Welt vor! Also es zeigt einfach nur, wie er sich die Welt vorstellt: Dass Gott alles errichtet hat, wer daran glaubt… wenn er die Evolutionstheorie einfach so abstempelt… Ähm, ja. Aber es sagt halt eben nichts über seinen Charakter aus, außer dass er vielleicht irgendwie irgendwas sagt wie: Ja, Gott will nicht, dass wir rauchen! […] Ja, aber eben, wenn die Religion was sagt: Lebe danach! Aber jeder hat eben immer auch einen eigenen Charakter! Ich glaube es nicht, dass er komplett irgendwie – übertriebenes Beispiel: er will pinke Haare haben und macht es nicht, weil seine Religion das verbietet –, also dann wären die wirklich streng gläubig, dass es in den Charakter übergeht, aber ansonsten wär‘ das eigentlich nichts Schlimmes, solange du mich damit in Ruhe lässt, weil ich bin eigentlich nicht gläubig… Und ich hab‘ ja im letzten Stream herausgefunden, dass Buddhismus eine Lehre ist und keine Religion!

[E.:] Ist dein Leben vorherbestimmt?
Vorherbestimmt im Sinne von: Jemand hat wirklich entschieden, dass ich auf die Welt komme? Ja. Das sind meine Eltern und wie ich lebe entscheiden sie zum größten Teil einfach auch wegen Erziehung und so! Auch vorherbestimmt im Sinne von: Da oben sitzt jetzt jemand, so wie bei Sims und schreibt mir vor: Du machst jetzt das und das! … Das glaube ich eher nicht!

[E.:] Nehmen Menschen eine Problemverschiebung vor, wenn sie sich auf Gott berufen und davon ausgehen, dass er alles richten wird?
Wenn Leute sich wirklich auf Gott berufen und davon ausgehen, dass er alles richten wird, dann vertrauen sie eben immer auf Gott: Dann würden sie auch nicht, sobald sie ein Problem haben, erst an Gott denken, sondern haben das schon vorher gemacht und deshalb werden sie die ganze Zeit [so] denken! Also nee, glaube ich eher nicht! Entweder sie haben ein Problem und verschieben es nicht, oder sie haben ein Problem und denken von Anfang an [an] Gott und dass er das alles richten wird!

[E.:] Beutet der moderne Mensch sich selbst aus?
Eigentlich schon… also jetzt mal nicht… aber im Sinne [von] auf die Natur bezogen, beutet er auch seine Natur aus und irgendwann schlägt auch die [eigene?] Waffe in die Natur zurück [?] und beutet somit die Menschen aus! Also theoretisch beutet er sich eigentlich selbst aus, ja! Auch mit – keine Ahnung – ich sag‘ jetzt mal ein Chef von Mäcces beutet ja auch seine Mitarbeiter aus und die werden sich auch irgendwann rächen, glaube ich! […]

[E.:] Kann es beruhigend sein, wenn man darum weiß, dass man sich theoretisch jederzeit selbst töten kann?
Ja, eigentlich schon. Also mir ist es eigentlich egal, weil ich es nicht vorhabe, aber ich würde sagen, bei so Menschen, die wirklich an Depressionen leiden (Unterbrechung) … Noch ganz kurz: Theoretisch für depressive Leute ist es eigentlich ganz gut, weil die sagen ja: […] Ja, theoretisch kann ich immer den Stecker ziehen, aber für mich hat’s eigentlich gar keine Bedeutung, weil ich hab‘ nicht vor, mich selbst umzubringen, also finde ich es auch weder beruhigend, noch unberuhigend! …