Egregantius

Tag: Philosophie

Perhorreszierende Perzeptionen (IX)

[1] Was unversehens vor sich geht, ist immer sehenswert.

[2] Wenn ein Philosoph sich nicht verwirren lässt, irrt er sich wahrscheinlich sehr.

[3] Krämerseelen halten nur Ausschau nach den Dingen, die ihnen in den altbewährten Kram passen.

[4] Philosophie ist kein Fach, das studiert oder gelehrt werden kann, sondern ein erklärungsbedürftiges Fragen im Lebensvollzug.

[5] Was sattsam bekannt ist, sättigt niemanden.

[6] Vor und nach dem Vergessen Anamnesis in ihrer Tragweite ermessen!

[7] Eine Meinung, die nicht wohlfeil ist, ist immer billig zu haben.

[8] Wir sind so weit gekommen, dass wir gar nicht mehr nachvollziehen können, wo wir eigentlich herkommen.

[9] Die Totengräber dürften nur Spott für begrabene Hoffnungen übrig haben.

[10] Wer etwas zu bieten hat, wird sich nichts verbieten lassen.

Perhorreszierende Perzeptionen (VIII)

[1] Jeder Mensch ist genauso anders, wie alle anderen.

[2] Was der Ideologe sehen will, soll immer auch auf seine Weise gesehen werden. Was der Ideologe gerade nicht sehen kann (weil er nie genau hinsehen will), wird daher von seinen Anhängern zunächst mit schlechtem Gewissen zur Kenntnis genommen, um danach geleugnet, relativiert oder zur infamen Lüge deklariert zu werden.

[3] Das Alte wird zur fortwährenden Neuigkeit, wenn es immer wieder neu erkannt wird. Da das Alte immer wieder neu gesehen werden kann, gibt es tatsächlich nur Neues unter der ständig neu aufscheinenden Sonne.

[4] Auf frischer Wahrheitstat wurde noch kein Philosoph ertappt. Vielleicht werden Philosophen darum so gerne umstandslos von der Nachwelt verurteilt?

[5] Das lange schon vernachlässigte Unterfangen der Philosophie wird nicht mehr wiederzubeleben sein, wenn auch die Menschen der Zukunft nur noch bedenkenlos zufriedengestellt sein wollen.

[6] Es gab noch kein Menschenleben, das am Ende gut ausging.

[7] Die meisten können nur das sehen, was alle sehen, weil sie unbedingt sehen wollen, was alle sehen.

[8] Für unseren unwiderruflich gewordenen Fortschritt haben wir das eine oder andere endgültig fortschaffen müssen. Dabei ist das vorläufige Ergebnis des unaufhaltsam voranschreitenden Fortschritts abscheulich genug anzusehen.

[9] Wer keine Tiefe hat, ist oft noch schlau genug, seine leicht fassliche Oberfläche so auszuleuchten, dass andere sie in ihrer makellosen Reinheit zelebrieren dürfen.

[10] Habt immer auch ein Einsehen, wenn ihr zusehen müsst, wie andere die Welt sehen.

Perhorreszierende Perzeptionen (III)

[1] Wenn man sich etwas zu Gemüte führt, sollte es auch mal ungemütlich werden dürfen.

[2] Sozial ist, was Muße schafft.

[3] Wer es sich in einer Philosophie bequem macht, wird sie verfehlen.

[4] Es steht zu vermuten, dass manche nur aus bequemlicher Unwissenheit unbequeme Wahrheiten vermuten wollen, um aus eitler Schwatzsucht unmaßgebliche Mutmaßungen anstellen zu können.

[5] Wer das eigenmächtige Denken wagt, wird nicht unverschont bleiben.

[6] Die Sorge des Philosophen ist mit, während und nach Erledigung seiner Besorgungen da.

[7] Ein kultivierter Mensch braucht andere zu seiner Unterhaltung nicht, weil er durch sich selbst zum Ereignis seines Lebens wird und damit bereits ein spannendes und spannungsreiches Leben hat.

[8] Wie kommt man eigentlich dazu, Mensch zu sein? Warum ist man gerade Mensch geworden und konnte im Hier und Jetzt nichts anderes werden?

[9] Wer versteht schon sein Verstehen? Nur die Unverständigen haben ihr Selbstverständnis.

[10] Wo alles längst vertan wurde, gibt es kein Vertun mehr.

Garantierte Expektorationen (XVII)

[1] Man will sich bis an das Ende seiner Tage durchziehen.

[2] Ein gemachter Mann vermachte an sich alles, was er aus sich herausholen konnte.

[3] Ob der Weise mit seiner Weisheit überhaupt fertigwerden kann?

[4] Den meisten Denkenden bleibt in unserer Zeit nichts anderes übrig, als lebendig in sich begraben zu liegen.

[5] An Philosophen, die nie ins Stottern geraten, wird etwas faul sein.

[6] Nur nichtswürdigen Subjekten wird ein Zugang zur Philosophie für immer verschlossen bleiben.

[7] Mit der Frage nach Wahrheit kann man auch heute noch Menschen kreuzigen.

[8] Wahrscheinlich gibt es in unserer Zeit kein einziges ungebrochenes Individuum mehr, dafür umso mehr Dividuen.

[9] Es gibt Menschen, die keine Rolle spielen, weil sie ohnehin nichts zu sagen haben und es gibt Menschen, die eine Rolle spielen, weil sie davon überzeugt sind, das Sagen zu haben.

[10] Man kann die Kurve nicht kriegen, ohne sie kratzen zu müssen.

YouNow-Gespräch mit einer 17jährigen

Dieses Gespräch wurde am 5.3.2015 geführt

[Egregantius:] Was macht das Leben lebenswert?
Freunde, Familie, einfach wenn man glücklich ist! Das macht das Leben lebenswert, finde ich. (Trinkpause) Das Leben lebenswert macht einfach alles, das komplette Leben! Auch wenn man traurig ist, das gehört zum Leben dazu und das [Leben] ist auch eher lebenswert: Auf jeden Fall! […]

[E.:] Wer hat Gott eigentlich erschaffen, damit er Gott werden konnte?
Ich glaube nicht an Gott, das ist meine Theorie […] Ich denke […] eigentlich, dass alles sehr biologisch und alles mit dem Urknall und so [erklärbar ist]… Ich denke nur, weil man sich den Urknall nicht erklären kann (oder die Welt oder so), es gab einmal ein übermenschliches Wesen, das die Welt da hingestellt hat und danach kam die Biologie und es hat sich alles selbst entwickelt, das ist meine Auffassung der Welt. Aber wenn, dann finde ich den Buddhismus sehr cool, dieses ständige Kreisen von wegen „Du stirbst und wirst dann wiederbelebt“, genau: Erwachst dann wieder! […] Ich hoffe, ihr genießt mein philosophisches Gelaber! […] Natürlich, es gibt bei jeder Religion irgendwas […] wo man den Kopf schütteln kann, sodass die Buddhisten glaube ich daran glauben, wenn du behindert auf die Welt kommst, dann hast du in deinem vorherigen Leben was falsch gemacht… Aber ich finde halt eben die Gedankenweise, wie sie sich das erklärt haben, die Welt, find‘ ich halt eben richtig cool, dafür sind Religionen halt da, um sich die Welt zu erklären und nach Regeln zu leben.
[…] Für alle, die neu dazugekommen sind: Wir reden grad über Philosophie! Falls euch das nicht interessiert, könnt ihr mich anstarren…

[E.:] Ist der Mensch zur Freiheit verurteilt?
Wir sind nie richtig frei […], wir haben immer irgendjemanden, der uns irgendwas vorschreibt, sei es Eltern, seien es Freunde, einfach nur durch Gruppenzwang, oder sei es sonst was. Ich meine, wirklich frei sind wir nie und so schlimm ist es auch gar nicht, find‘ ich, solang‘ man seine Meinungsfreiheit hat, oder Pressefreiheit – also die wirklich wichtigen Dinge –, ist es nicht wirklich schlimm, sich bevormunden zu lassen. Ich hab‘ grad Kant zitiert, ja. Ähm, also das mit dem Vormündeln das hat er ja auch gesagt, deswegen. […]

[E.:] Was soll nach deinem Tod von dir in Erinnerung bleiben?
Eigentlich meine Haare, also mein ganzer Mensch, meine Person […]! Auf jeden Fall […] wie ich war, meine guten Taten, meine schlechten Taten, einfach so, dass man mich nicht vergisst! […] Aber ich fänd’s auch cool, wenn man wirklich sowas hat, dass man ein bisschen berühmt ist, dass die Leute, wenn sie wirklich – also nicht nur Freunde, sondern auch so Leute, die zum Beispiel dein Buch oder sowas gelesen haben – fänd‘ ich auch cool, wenn das von mir in Erinnerung bleibt! Wenn irgendwie in der Schule eine Klausur über mich geschrieben wird in Philosophie oder so, das fände ich richtig cool!

[E.:] Glaubst du, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält?
Der Wille! Der Wille, zu leben! Das fällt jedem eigentlich ein. Natürlich, es gibt ein paar Selbstmorde, ja, aber im Grunde entscheidet sich eigentlich das Selbstbewusstsein, also dieses Lebensgefühl! Dieser Wille zu leben schaltet sich eigentlich ein, sobald man einmal in Gefahr ist, oder sobald man kurz vorm Sterben ist, da schaltet sich wirklich der Wille ein, das hält eigentlich alles zusammen, die ganze Welt: Egal, wie verschieden die Menschen sind, eigentlich ist es so!

[E.:] Ist der Livestream für dich ein Tor zur Welt, oder bist du mit dem Livestream in der Welt?
Eher das zweite. Weil, ich bin ja sozusagen in der Welt und ihr seid sozusagen das Tor, also ihr seid – oder beides?! – also ihr seid halt eben… ihr könnt euch entscheiden, ob ihr durch das Tor des Livestreams geht und mich guckt und in bin mitten in der Welt! Und jeder kann mich hier betrachten. So sehe ich das. (gestikuliert mit der Hand: Ah, das Tor, das Tor!)

[E.:] Was läuft in unserer Gesellschaft eigentlich falsch?
In unserer Gesellschaft läuft viel falsch! […] Es läuft ziemlich viel falsch, vor allem, dass man einfach… diese fehlende Akzeptanz einfach nur von Leuten, die anders sind. Also alles was man nicht kennt, wird erst einmal direkt gehasst, verabscheut, abgelehnt bis es sich irgendwie eingetrudelt hat oder normal geworden ist, das ist halt eben das falsche. Auch dass man halt eben alles mitmacht, dass die Gesellschaft alles mitmacht, auch so modisch jeden Trend mitmacht, das alles – find‘ ich –, geht falsch… Aber ich wüsste auch nicht, wie man das ändern kann: Man kann den Leuten nicht einfach sagen: Akzeptiert das jetzt! Jeder hat noch ne eigene Meinung. Ja.

[E.:] Wie stellst du dir eine ideale Gesellschaft vor?
Eine ideale Gesellschaft? Ähm, viele Individuen auf jeden Fall, auch dass die akzeptiert werden, also wirklich heißt das [jetzt] nicht, dass jeder so rumlaufen muss wie ich, oder sich die Haare färben muss wie ich, sondern wirklich auch: Viele Individuen, alle werden akzeptiert, so wie sie sind, aber eben auch nicht, dass sie eben sagen, du musst mich akzeptieren, wenn ich jetzt hier in nem Haus einbreche! Ja, jeder soll einfach machen dürfen, was er will, solang‘ es halt eben zu den Gesetzen passt und nicht zu übertrieben ist! Ja, das wär‘ eben die perfekte Gesellschaft, also diese Akzeptanz wär mir eigentlich sehr, sehr wichtig, ei ja, und wenn eben jeder wirklich gleich behandelt werden würde! Also wie Kant schon sagt, dieses: Handel nach der Maxime, dass sie für dich eine Regel oder ein Gesetz darstellen könnte: Das find‘ ich super! Ich mag sogar Kant, der hat richtig viele gute Sachen gesagt! Ideale Sachen…
Was mich mal übrigens interessieren würde, wie stehst du – also der Philosoph – zu Utilitaristen? Weil ich mag die überhaupt nicht…

[E.:] Welcher Philosoph interessiert dich am meisten?
Bisher Kant. Ich find‘ den richtig cool! Und mich interessiert – okay, das sind jetzt nicht unbedingt Philosophen – die Einstellung der Solipsisten, also die denken ja, dass alles auf der Welt, oder was wir sehen, dass alles nur ne Täuschung ist: Ich meine, wenn ich so einen kennen würde, ich fände es richtig cool, mich mal mit dem zu unterhalten, wie er darauf kommt und so. Okay, der würde mich nicht wahrnehmen, also nicht für ernst, aber: Cogita esta sunt [Anm.: Cogito ergo sum ist gemeint], das find ich cool! Also ich denke, deshalb bin ich.
——–
[Frage eines anderen Chatteilnehmers:] Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Ja, ich glaube an den Buddhismus: Dass man eben weiterlebt, das find‘ ich cool! Dieses Denken, dass man halt eben wiedergeboren wird find‘ ich ganz cool, ich find’s besser als im Christentum; sodass du […] in den Himmel kommst und deine Familie wiedersiehst: Wenn da wirklich jeder Mensch seine Familie wiedersieht, dann müsste der Himmel total überfüllt sein, […] sodass du da kaum Platz hast, weil so riesig ist die Welt jetzt auch nicht, dass du für jeden da Platz hast! […] Das Christentum ist irgendwie überhaupt nichts für mich.

[Frage eines anderen Chatteilnehmers:] Was ist der Sinn des Lebens?
Einfach leben.

——–

Gespräch vom 8. März

[E.:] Ist der Mensch vernunftbegabt?
Er ist vernunftbegabt, würde ich sagen! Jeder Mensch ist vernunftbegabt, wie Kant schon sagte: Er geht ja davon aus, dass Menschen Vernunft haben und ja, jeder nutzt seine Vernunft irgendwann… es ist dann immer die Frage der Moral, was manche Leute vernünftig halten, was nicht! … Da können Leute drüber streiten, ob man jetzt Vernunft benutzt, oder nicht… aber ja, ansonsten hat ein Mensch Vernunft!

[E.:] Hast du einen großen Traum?
Ich fänd’s cool, mit der Philosophie und dem Sport mein Geld zu verdienen! Keine Ahnung… aber nicht mal eben auf Lehramt, sondern wirklich was Eigenes, zum Beispiel Sport… keine Ahnung, bei McFit in irgendnem Sportstudio arbeiten… und gleichzeitig eben Philosophie machen und das fände ich eben richtig cool, dann wäre so mein größter Traum erfüllt, wenn man sich damit finanzieren könnte! […]

[E.:] Glaubst du, dass Tiefphasen im Nachgang erfüllend sein können?
Ja, ich finde, Tiefphasen gehören zum Leben dazu und man lernt daraus! Zum Beispiel, wie man es verhindert, in diese Tiefphasen zu kommen und deswegen gehören sie eigentlich dazu und die haben den Nachgang, dass man danach erfüllter ist und diesen Fehler nie wieder macht!

[E.:] Was hältst du von dem Satz „Das Begreifende im menschlichen Geist verwirrt sich deswegen so oft, weil es sich selbst begreifen will.“?
(Schmunzelt.) Der Satz ist cool! Der Satz ist… So, ihr hört auf zu schreiben, damit ich mir über den Satz Gedanken machen kann! […] Ich find’s cool… so wie man sich das bildlich vorstellt: Da oben sitzt ein Kleiner und denkt so: „Ja, was mach‘ ich hier?! Wer bin ich überhaupt?“ (Lacht.) Wie so ein Paranoider! Ne, ich find’s cool und ich finde, dass [es] stimmt! Wir begreifen alles um uns herum, aber uns selbst begreifen wir meistens nicht! […]

[E.:] Was ist Wahrheit?
Wahrheit ist… die Wahrheit kann sowohl Erkenntnis sein, also auch: Einfach nicht lügen, also immer das Richtige sagen, niemanden anlügen, was irgendwie klar ist… Ähm, ja. Die Wahrheit kann Erkenntnis sein, die Wahrheit kann einfach nur „Das Richtige sagen!“ sein… Ganz viel!

[E.:] Wozu ist das Böse gut?
Das Böse? … […] Das Böse ist eigentlich dazu gut, hm… ich weiß gar nicht, ob es überhaupt zu etwas gut ist! Also es gibt ja verschiedene Arten von Böse-sein, deswegen… dieses Schadenfreude [haben] ist ja auch böse, das dient ja eigentlich nur einem selbst… dass man sich selbst besser fühlt und dass man dann eben über andere lacht und man sich halt eben denkt: Gut, dass mir das nicht passiert ist! Also, sozusagen, zur Selbstbelustigung ist das gut… Dann gibt es eben noch dieses pure Böse, da will man anderen einfach nur schaden, also: [Das] Böse dient eigentlich immer nur dazu, sich selbst besser zu fühlen, oder sich selbst – wie drückt man das aus?! – in ein besseres Licht zu rücken, oder halt eben einfach nur sich selbst zu bereichern, zu belustigen… jo.

[Ein Chatteilnehmer schreibt?] Das Böse ist dazu gut, es dem Guten schwer zu machen.
Ja, eigentlich schon! Oder du kannst auch böse und gut sein: Du kannst böse zu deinen Feinden sein und gut zu deinen Freunden! Und da machst du es ja keinem von beiden schwer! Und ich mein‘, du kannst auch böse sein und das hindert dich ja nicht daran, an diesem [oder jenem] Tag gut zu einer Person zu sein… Das ist pure Philosophie, Justin! (Lacht.) Also es [das Böse] ist nur dazu da, um sich selbst zu bereichern, würde ich jetzt mal so sagen!

[E.:] Von Plotin gibt es in diesem Zusammenhang den Satz: „Hat ja doch die Schlechtigkeit selbst manches Nützliche und bringt auch viel Schönes hervor, z.B. alle Kunst-Schönheit, und regt zum Denken an, indem sie nicht in Trägheit schlafen lässt.“                                                                                                                                                          Plotin hat Recht, da stimme ich ihm zu! […] Ja, okay: Wer böse ist, muss auch was planen können… Ja, aber es ist ja eigentlich nichts Gutes, also wahrscheinlich sieht er ja die Trägheit als etwas Schlechtes an, darüber lässt sich auch wieder streiten! Immer dieses: Dass Philosophen etwas annehmen, ohne es zu erklären, oder was ein anderer… Das stört mich an Philosophen, dass die meistens sagen – zum Beispiel Kant – ja, die Vernunft ist da, jeder Mensch ist vernünftig! Und da kann man ja auch drüber streiten: Das heißt, er nimmt es einfach so an! Das ärgert mich ein bisschen an fast allen Philosophen, weil die das fast alle nicht erklären und von Anfang an feststellen: So, das ist so! Punkt.

[Frage eines anderen Chatteilnehmers?] Was drückt der Glaube eines Menschen aus?
Er drückt aus, wie ein Mensch sich die Welt erklärt: Also je nachdem, wie stark einer nach einem Glauben handelt, zum Beispiel nach Gott… Wenn jemand richtig streng christlich ist, dann stellt er sich so die Welt vor! Also es zeigt einfach nur, wie er sich die Welt vorstellt: Dass Gott alles errichtet hat, wer daran glaubt… wenn er die Evolutionstheorie einfach so abstempelt… Ähm, ja. Aber es sagt halt eben nichts über seinen Charakter aus, außer dass er vielleicht irgendwie irgendwas sagt wie: Ja, Gott will nicht, dass wir rauchen! […] Ja, aber eben, wenn die Religion was sagt: Lebe danach! Aber jeder hat eben immer auch einen eigenen Charakter! Ich glaube es nicht, dass er komplett irgendwie – übertriebenes Beispiel: er will pinke Haare haben und macht es nicht, weil seine Religion das verbietet –, also dann wären die wirklich streng gläubig, dass es in den Charakter übergeht, aber ansonsten wär‘ das eigentlich nichts Schlimmes, solange du mich damit in Ruhe lässt, weil ich bin eigentlich nicht gläubig… Und ich hab‘ ja im letzten Stream herausgefunden, dass Buddhismus eine Lehre ist und keine Religion!

[E.:] Ist dein Leben vorherbestimmt?
Vorherbestimmt im Sinne von: Jemand hat wirklich entschieden, dass ich auf die Welt komme? Ja. Das sind meine Eltern und wie ich lebe entscheiden sie zum größten Teil einfach auch wegen Erziehung und so! Auch vorherbestimmt im Sinne von: Da oben sitzt jetzt jemand, so wie bei Sims und schreibt mir vor: Du machst jetzt das und das! … Das glaube ich eher nicht!

[E.:] Nehmen Menschen eine Problemverschiebung vor, wenn sie sich auf Gott berufen und davon ausgehen, dass er alles richten wird?
Wenn Leute sich wirklich auf Gott berufen und davon ausgehen, dass er alles richten wird, dann vertrauen sie eben immer auf Gott: Dann würden sie auch nicht, sobald sie ein Problem haben, erst an Gott denken, sondern haben das schon vorher gemacht und deshalb werden sie die ganze Zeit [so] denken! Also nee, glaube ich eher nicht! Entweder sie haben ein Problem und verschieben es nicht, oder sie haben ein Problem und denken von Anfang an [an] Gott und dass er das alles richten wird!

[E.:] Beutet der moderne Mensch sich selbst aus?
Eigentlich schon… also jetzt mal nicht… aber im Sinne [von] auf die Natur bezogen, beutet er auch seine Natur aus und irgendwann schlägt auch die [eigene?] Waffe in die Natur zurück [?] und beutet somit die Menschen aus! Also theoretisch beutet er sich eigentlich selbst aus, ja! Auch mit – keine Ahnung – ich sag‘ jetzt mal ein Chef von Mäcces beutet ja auch seine Mitarbeiter aus und die werden sich auch irgendwann rächen, glaube ich! […]

[E.:] Kann es beruhigend sein, wenn man darum weiß, dass man sich theoretisch jederzeit selbst töten kann?
Ja, eigentlich schon. Also mir ist es eigentlich egal, weil ich es nicht vorhabe, aber ich würde sagen, bei so Menschen, die wirklich an Depressionen leiden (Unterbrechung) … Noch ganz kurz: Theoretisch für depressive Leute ist es eigentlich ganz gut, weil die sagen ja: […] Ja, theoretisch kann ich immer den Stecker ziehen, aber für mich hat’s eigentlich gar keine Bedeutung, weil ich hab‘ nicht vor, mich selbst umzubringen, also finde ich es auch weder beruhigend, noch unberuhigend! …

Garantierte Expektorationen (XIII)

[1] Nur was mir zugehörig bleibt, wird mich auch grundlegend fassbar machen.

[2] Philosophische Sätze stellen offene Wunden dar.

[3] Um frei tun zu können, was wir wollen, sollten wir Abstand von der Freiheit nehmen.

[4] Ich müsste mich selbst überwuchern, wollte ich die Eigentümlichkeit meines Wesens nachvollziehen.

[5] Man lebt, wie ein jeder Mensch leben muss, kann dabei allerdings über Dinge nachdenken, die den Wenigsten einfach so in den Sinn kommen würden.

[6] Seitdem er weiß, wie wenig er doch wissen kann, ist er von seinem neuen Wissen ganz hin- und weggerissen!

[7] Ich will mich nicht beschweren und wäre aber auch ungern erleichtert, denn nur so kommt etwas zum Tragen, was mir eigen ist und von mir auch weitergegeben werden kann.

[8] Die meisten wollen sich nicht berücken lassen, sondern nur verzückt sein.

[9] Wenn nicht alles schiefgeht, werde ich es zu Nichts ja wohl noch bringen können!

[10] Da augenscheinlich jeder Philosoph sein kann, stellt es noch lange keine Leistung dar, Philosoph zu sein.

Neue Briefe an Stefan Dehn – 01 – Was ist der Unterschied zwischen einem Denker und einem Philosophen?

Hallo Stefan,

vielen Dank für deinen durchdachten Brief, in dem du dich darum bemüht hast, mir darzulegen, was du an dem Begriff des Philosophen, als auch des Denkers auszusetzen hast, bzw. welche Differenzierungen du vornehmen würdest! Tatsächlich kann ich dir in deinen Ausführungen weitestgehend zustimmen und ich hoffe, dass du es mir nicht übel nehmen wirst, wenn ich nur auf wenige Punkte deines Briefes an dieser Stelle eingehen werde. Wie du weißt, versuche ich mich im Schreiben meist möglichst kurz zu fassen und lasse das, was mir allzu offensichtlich scheint, lieber außen vor, weil ich mir denke, dass manche Ausführungen nicht nur mich, sondern auch den Leser (in diesem Fall also dich) ermüden würden. Zunächst einmal möchte ich zur folgenden Briefpassage etwas schreiben, worin du mich sinngemäß richtig aus einer Antwort von mir zu einem Kommentar auf einen Aphorismus von mir („Eine perfekte Philosophie bedeutete das Ende der Philosophie.“) zitierst:

„Ich hoffe, ich zitiere dich nicht ungerecht, aber du hast sinngemäß einmal geschrieben, du würdest hoffen, es gäbe nie eine perfekte Philosophie. Ich hätte nichts dagegen einzu-wenden, wenn alle Existenzfragen eine belegte Antwort erhalten. Philosophische Reden führen nur der Rede wegen halte nicht für erstrebenswert.“

Eine „perfekte“ (also rundum abgeschlossene) Philosophie (die dann keine mehr wäre, sondern zum Dogma erstarren würde) bedeutete den Tod des Denkens, bzw. ein Ende an der Ausrichtung eines lebendigen Philosophierens, das aus einer Liebe zur Weisheit heraus gedacht wurde und wird (weil das dem Wortsinn nach „Philosophie“ zu bedeuten hat). Das war wohl seit der Antike auch der ursprünglichste Beweggrund, den man zumindest benannt hat (und benennen konnte/wollte), wenn man von sich behauptete, Philosoph zu sein und auf den man sich seit der Entstehung des Begriffs bis heute noch einigen kann, ohne dass man befürchten muss, auf Unverständnis oder große Gegenrede zu stoßen. Es ist also richtig, wenn du sagst, dass im Begriff sowohl Weisheit, als auch ein Gefühl, bzw. eine wie auch immer geartete ideale Verbindung, die in einem Streben nach Weisheit ihren Ausdruck findet („Liebe“), vorausgesetzt wird. „Denkender“ ist da offener, wenn auch nicht voraussetzungslos, wie du ja selbst auch festgestellt hast („Letztlich ist auch die Bezeichnung Denker noch sehr anfällig, schließlich suggeriert sie reine Geistigkeit, während der ganze Körper in seiner Triebwucht das Denken (mit-)steuert.“) und bietet die Möglichkeit, der Philosophie auf einer Metaebene begegnen zu können, also eben auch anzuzweifeln und in Frage zu stellen, ob Weisheit überhaupt möglich ist, bzw. die Philosophie grundlegend zu hinterfragen. Auch ich halte philosophisches Reden nur der Rede wegen nicht für erstrebenswert. Allerdings ist die Rede, bzw. das Schreiben, die einzige Ausdrucksmöglichkeit, die Denkenden bleibt, um sich über grundlegende Fragen überhaupt miteinander verständigen zu können, wenn sie sich denn verständigen wollen (man kann ja auch schweigen und seine eigene Privatphilosophie ohne Entäußerungsversuche betreiben). Insofern kann man es einem Denker oder Philosophen nicht zum Vorwurf machen, dass er sich nur auf scheinbar sinnloses Reden, Schreiben oder Disputieren versteht und letztendlich ja doch nichts am Weltlauf ändern kann, obwohl ja gerade im vergangenen Jahrhundert die Philosophie für tatkräftigere Zwecke immer wieder gerne von Herrschenden und Revoltierenden in Anspruch genommen wurde (und immer noch in Anspruch genommen wird), auch wenn wir glücklicherweise (!) wohl niemals dazu in der Lage sein werden, das ganze Universum (bzw. die Multiversen) an uns reißen zu können, um über es (bzw. sie) die ultimative Verfügungsgewalt zu gewinnen, wo wir doch schon jetzt um unseren fragilen Planeten Erde aus den unterschiedlichsten Gründen bangen müssen.

Da wir beide uns denkend austauschen, besteht zumindest kein Zweifel darüber, dass wir Wertsetzungen vornehmen und im gegenseitigen Austausch für den anderen und uns selbst in diesem Fall Tipperzeugnisse hervorbringen, die wir für bedenkenswert halten, weil wir sie mit Sicherheit nicht vorbringen würden, wenn wir nicht den Willen dazu in uns verspürten, uns zu verständigen und manche Dinge vielleicht sogar etwas klarer in den Blick zu bekommen, obwohl wir das Ganze nicht durchblicken können und immer auch an unsere „Körperbeschaffungsvorgaben“ (um deinen anschaulichen Begriff zu verwenden) gefesselt sind. Rein theoretisch könnten wir uns ja auch sinnentleerte Sätze vorwerfen, oder uns gegenseitig „trollen“, weil wir nichts Besseres zu tun haben wollen. Aber wir glauben dann eben doch daran, dass ein denkerischer Austausch per Brief sinnhafter als bloßes Nichtstun ist, obwohl wir unter dem Blickpunkt der Ewigkeit nichts tun, was irgendwie von Belang wäre, weil unser Körper uns früher oder später unter der Hand entweichen wird und wir nicht annehmen müssen, dass es eine körpereigene Seele gibt, die sich irgendwohin hinüberretten könnte.

Beste Grüße,
Egregantius

Garantierte Expektorationen (XI)

[1] Was ich in mir zaghaft vernehme, nehme ich mir noch lange nicht händereibend heraus.

[2] Wenn alles gut läuft, liege ich wahrscheinlich noch ein halbes Jahrhundert lang im Sterben.

[3] Ein Versehen wird niemals abzusehen sein.

[4] Wer zu viel weiß, wird vollkommen ahnungslos sein.

[5] Ich habe nie das Geringe tun wollen, das erforderlich wäre, um einer Masse an Menschen genügen zu können.

[6] Was einmal groß gedacht wurde, will man sich heute viel zu leicht machen.

[7] Ich rücke mich nicht erst in den Vordergrund, um vor einem Abgrund stehen zu müssen.

[8] Eine perfekte Philosophie bedeutete das Ende der Philosophie.

[9] Nach reiflicher Überlegung werden überreife Früchte ungern geerntet.

[10] Dass man nicht mehr ganz bei Trost ist, kann durchaus ein Trostgrund sein.

Warum dieser/dieses Blog?

Ich vermisse etwas. Ist es nicht vermessen, etwas zu vermissen, das nur in idealer Hinsicht gedacht werden kann? Wenn es also keinen Grund dafür gibt, es irgendjemandem übel zu nehmen, dass etwas Ureigenes nicht ausgefüllt, also vermisst wird? Dies soll keine Anklage sein, die mit Recht auch niemanden interessieren würde: Man glaubt heutzutage, dass Man sich interessieren sollte – Aber nur für Einen [sic!] selbst! Eine Regung bei Facebook, Twitter, etc. – Thumbs up! Der Inhalt interessiert nicht, aber das Interesse, auch wenn es uninteressant ist. Was sind wir denn geworden? Verkapselte Monaden, die durch Fenster bestaunt werden wollen, ohne selbst einmal einen tieferen Blick in die Außenwelt zu werfen – und dabei vielleicht etwas einzufangen, was man zur intellektuellen Betrachtung und Reflexion heranziehen könnte. Gewiss, Man sieht, schaut und hört. Man schnappt auf, betreibt Smalltalk und konsumiert Filme, Bücher und Videos. Doch wozu tut Man das? Um mitreden zu können, um auf dem Laufenden zu sein. Man interessiert sich für politische Themen, wer tut das heutzutage nicht? Wer hat keine Meinung zur Bundesregierung, der Eurokrise oder dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan? Doch wo bleibt Man selbst? Wer ist Man selbst? Das ist die Frage nach der Eigentlichkeit, dem Sinn vom Sein des Daseins. Ich werde ihr in Zukunft nachgehen, unter anderem auf Heideggers Holzwegen.

Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein.