Egregantius

Tag: Hoffnung

Perhorreszierende Perzeptionen (IX)

[1] Was unversehens vor sich geht, ist immer sehenswert.

[2] Wenn ein Philosoph sich nicht verwirren lässt, irrt er sich wahrscheinlich sehr.

[3] Krämerseelen halten nur Ausschau nach den Dingen, die ihnen in den altbewährten Kram passen.

[4] Philosophie ist kein Fach, das studiert oder gelehrt werden kann, sondern ein erklärungsbedürftiges Fragen im Lebensvollzug.

[5] Was sattsam bekannt ist, sättigt niemanden.

[6] Vor und nach dem Vergessen Anamnesis in ihrer Tragweite ermessen!

[7] Eine Meinung, die nicht wohlfeil ist, ist immer billig zu haben.

[8] Wir sind so weit gekommen, dass wir gar nicht mehr nachvollziehen können, wo wir eigentlich herkommen.

[9] Die Totengräber dürften nur Spott für begrabene Hoffnungen übrig haben.

[10] Wer etwas zu bieten hat, wird sich nichts verbieten lassen.

Über Wahrsagerei

Schon der alte Lichtenberg wusste, dass es sich vom Wahrsagen in der Welt wohl leben lässt, aber nicht vom Wahrheitsagen [siehe Sudelbücher J 787]. Auch auf die Gefahr hin, der Uneigentlichkeit zu verfallen (man siehe meinen letzten Blogeintrag) möchte in an dieser Stelle auf eine von mir persönlich eingelesene und bei Youtube hochgeladene Textstelle eingehen, in der Favorinus auseinandersetzt, warum man sich niemals bei einem Wahrsager oder einer Wahrsagerin die Zukunft deuten lassen sollte. Übrigens ist besagter Favorinus wohl ein lustiger Vogel gewesen, Philostratos erzählt in den Lebensbeschreibungen der Sophisten von ihm, dass er als Zwitter (!) dennoch „so hitzig in der Liebe [war], dass er von einem Konsul sogar des Ehebruchs beschuldigt wurde; mit dem Kaiser Adrianus hatte er einen Zwist, jedoch ohne es entgelten zu müssen.“

Doch genug der Plänkelei, folgendes steht in Aulus Gellius Attischen Nächten:

Entweder weissagen sie Unglück, was geschehen soll, oder Glück. Wenn sie Glück weissagen und (uns) täuschen, so wird man durch grundlose Hoffnung nur unglücklich gemacht; wenn sie Unglück vorhersagen und (uns etwas) vorlügen, wird man durch törichte Furcht sich abquälen; wenn sie aber wirklich einmal einen wahren Ausspruch tun, und es betrifft nur (kommende) Unglücksfälle, so wirst du von Stund an (schon wieder) im Geist und Gemüt dich unglücklich fühlen, bevor du noch es durch das Missgeschick (wirklich) wirst; im Fall sie aber künftiges Glück vorhersagen, so wird sich dann immer noch ein doppelter Schaden herausstellen, erstlich, die Hoffnungsspannung wird dich in deiner Ungewissheit nur abspannen und diese Hoffnungspein wird dir schon vorweg den zukünftigen Genuss an der Freude abstreifen. Daher muss man mit solchen Menschen, welche zukünftige Dinge prophezeien, durchaus sich nichts zu schaffen machen.

Dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen, aber zur besseren Übersicht hier meine Erklärung der Textstelle:

Es gibt also zwei Möglichkeiten, entweder wird man uns großes Glück oder großes Unglück vorhersagen.

Wenn man uns großes Unglück vorhersagt, ist der Fall vollkommen klar: Wir werden umso länger an der schlechten Vorhersage leiden müssen, je mehr wir dem Wahrsager/der Wahrsagerin Glauben schenken. Doch selbst wenn wir gegen den Aberglauben eigentlich gefeit sind, kann ich mir vorstellen, dass eine Aussage wie „Sie werden bald an einer unheilbaren Krankheit sterben“ oder ähnliches der Art dennoch seine – möglicherweise unbewussten – Spuren hinterlässt.

Wenn man uns nun großes Glück vorhersagt und dieses wider Erwarten nicht eintrifft, werden wir darüber natürlich unglücklich werden, außerdem wird – selbst wenn der Wahrsager aus Zufall mit seiner Glücksvorhersage richtig liegt – das Sehnen und Streben nach dem Glück, also die „Hoffnungsspannung“ uns dieses erwartete Glück verderben, weil es eben nicht mehr unverhofft und völlig unerwartet kommt, denn unsere Erwartungshaltung wird dadurch nur erfüllt und bestätigt. Doch vorangegangen ist eine lange Zeit des Wartens auf das Glück, im Text ist treffend von „Hoffnungspein“ die Rede.