YouNow-Gespräch mit dem 17jährigen M. T.

von Egregantius

Das Gespräch wurde am 6.3.2015 geführt [Dauer: ca. 30 Minuten].

 

[Egregantius:] Was macht das Leben lebenswert?
[M. T.:] Ich denke, dass das Leben lebenswert ist durch die Menschen, die uns begleiten und dasselbe gilt für die Leute, die uns begleiten. Für die sind wir, denke ich, der Grund, dass ihr Leben lebenswert ist. Genau das wollte ich sagen! […]

[E.:] Führst du eher ein lustbetontes oder ein moralisches Leben?
[M. T.:] Ich führe eher ein moralisches Leben, ja. […]

[E.:] Mangelt es der heutigen Jugend an guten Vorbildern?
[M. T.:] Nein, das denke ich nicht! Ich bin der Meinung, dass sich die Jugend nicht an den Vorbildern orientiert, sondern eher an sich selbst. Und genau aus diesem Grund ist die Jugend heutzutage auch schlecht. […] Und genau das ist der Punkt: Die Jugend heutzutage orientiert sich an sich selbst! Die Jugend erschafft sich ihre eigenen Ideale und deshalb verhält sich der größte Teil der Jugendlichen so schlecht.

[E.:] Kann sich niemand mehr auf einen anderen einlassen?
[M. T.:] Ich glaub‘, diese Frage, dass sich niemand mehr auf einen anderen einlassen kann, muss jeder sich selbst stellen! Das ist eine Frage, die kann man nicht verallgemeinern…

[E.:] Kennst du ein kluges Zitat?
[M. T.:] Oh, da gibt es viele, die mir zur Zeit einfallen! Ich kenn‘ eins, aber ich bin mir nicht sicher, dass es genauso lautet?! Zum Beispiel das ist ein Zitat aus dem Film „The Equalizer“ von Denzel Washington, das heißt: „Wenn du mit deiner eigenen Welt nicht zufrieden bist, erschaff‘ dir deine eigene!“ Ist das nicht ein kluges Zitat? Ich denke, daran sollte sich auch jeder orientieren. Ich denke, jeder sollte sich seine eigene Welt schaffen, jeder sollte sein Leben so leben, wie er es selbst für richtig hält, ja. […] Oder was sagen Sie dazu, Herr Egregant?

[E.:] Von Adorno gibt es den Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
[M. T.:] Das stimmt, dem kann ich nur zustimmen.

[E.:] Ist der Livestream für dich ein Tor zur Welt, oder bist du mit dem Livestream in der Welt?
[M. T.:] Für mich ist der Livestream eigentlich kein Tor zu einer Welt, oder eine Welt für mich. Für mich ist das sowas wie ein Extra, verstehen Sie? Das ist ein kleines Stück von meinem Leben, sag‘ ich mal.

[E.:] Zeitvertreib?
[M. T.:] Ja, Zeitvertreib, einfach Zeitvertreib. Aber ich streame auch nicht so oft, da ich mich zur Zeit auf die Schule konzentrieren muss und auf andere Dinge, die mein Leben extrem beeinflussen…

[E.:] Glaubst du, dass das, was du hier tust, einen Mehrwert für dich hat?
[M. T.:] Nein, eigentlich nicht… Ich kann Ihnen sagen, was das für mich hat! Im Grunde streame ich aus gewissen Gründen. Erstens aus dem Grund, dass ich versuche, Leute zu unterhalten. […] Ich möchte Leute unterhalten, und gleichzeitig auch, indem ich Leute gut unterhalten kann; nach Aussage von meinen Freunden mache ich das auch aus Zeitvertreib, aber hauptsächlich damit ich Leute unterhalten kann. So Leute wie Cathy, denen am 6.3.2015 um 22:30 langweilig ist und [die] meinen Stream angucken, versuche ich einfach zu unterhalten und denen – egal wie – irgendwie das Leben süßer [zu] machen. Is‘ mir jetzt scheißegal, ob ich das schaffe oder nicht… Das kommt halt drauf an, ob die Leute, die mir zugucken… ob ich denen auch sympathisch rüberkomme oder sonstwie ja, aber ich versuche in der ersten Regel, Leute zu unterhalten und meine Zeit zu vertreiben, wenn mir langweilig ist. […]

[E.:] Ist der Mensch zur Freiheit verurteilt?
[M. T.:] Ich denke schon! Aber es gibt immer wieder Menschen, die den Menschen selbst von dieser Freiheit nichts spüren zu bekommen lassen [wollen] […]
Genau, wir waren ja so philosophisch beteiligt gerade und da wollte ich sagen, wenn man mir persönlich die Frage stellt, ob der Mensch gut oder böse ist, ja, dann sage ich immer: Der Mensch ist schlecht aus dem Grund, weil sich der Mensch einfach so viel Leid zufügt, das ist schon so unglaublich schlimm! Guckt euch den Film „Herz aus Stahl“ an, das ist ein Kriegsfilm: Ich weiß, das wird die Ladies, die jetzt hier zugucken, nicht interessieren, aber der Film ist wirklich sehr – wie soll man das sagen? – ausschlaggebend und der zeigt einem mega, wie krass früher das war im Krieg, wie das da so ablief; ja, dass die Menschen wie Streichhölzer benutzt wurden, versteht ihr? Die wurden einfach wie Streichhölzer benutzt, einfach wenn eins aus war, hat man’s weggeworfen, ja? So hat man früher die Menschen behandelt, das war denen egal. Wenn ein Feuerzeug nicht ging, haben die [es] weggeschmissen, ja. So lief das früher. Ja, die Streichhölzer, die nicht funktioniert haben, hat man weggeworfen und die funktioniert haben, die hat man dann benutzt und diese Leute – die Streichhölzer, die nicht funktioniert haben –, die hat man angezündet, bis sie aufgebraucht waren. Und da hat man sie auch weggeschmissen, ja. So läuft das. So läuft das im Krieg. Und ich finde das schade, ja, finde sowas traurig. Oder nicht? Was sagt ihr dazu?

[E.:] Der Film klingt interessant.
[M. T.:] Gucken Sie sich den Film an, er ist halt Action, aber relativ realistisch und von daher… das zeigt einfach, wie schrecklich die Menschheit ist! […] Wie gesagt, die Menschheit ist schlecht und daran kann man nichts ändern! Versteht ihr, das liegt nicht in der Hand von einem Einzelnen, das liegt in der Hand von mehreren und das erkennen viele Leute einfach nicht und das regt mich auf, Alter! Jaja, schlimm ist sowas! Tja. […]

[E.:] Was du sagst, erinnert mich an Rousseau, der den Menschen selbst auch für gut hält, aber die Überzeugung hat, dass er durch die Gesellschaft schlecht wird.
[M. T.:] An Rousseau? Das sagt mir jetzt leider nichts, Herr Egregant, aber…

[E.:] Beutet sich der moderne Mensch selbst aus?
[M. T.:] Ganz klar, Herr Egregant, darüber habe ich gerade geredet, hundertprozentig beutet sich der moderne Mensch selbst aus! Und das macht er nicht in Form von Geld! Geld spielt ja eine sehr wichtige Rolle, definitiv! Aber der Mensch, ja, der beutet sich damit aus, dass der sich selbst in den Vordergrund stellt […]! Der Mensch sieht sich selbst als die höchste Form von allem und genau deshalb beutet er sich selbst aus […] und das finde ich persönlich ziemlich traurig, weil ich hab‘ schon lange die Hoffnung in die Menschheit verloren und ich denke, dass – wenn jetzt [nicht] irgendwas Bewegendes in der Zukunft passiert –, denke ich, wird sich das nicht ändern, ja. […] (zückt plötzlich eine Spielzeugwaffe im Livestream)
Sehen Sie das? Tja, das ist eine Waffe! Sie brauchen sich jetzt nicht erschrecken, das ist eine Spielzeugwaffe, aber ja, mein Bruder wollte die sich holen, mein Bruder spielt gerne… Da sieht man auch: Das spielt mein Bruder, mein Bruder spielt Krieg! Mein Bruder spielt Krieg, dem macht das Spaß, der findet sowas cool… Sowas ist doch auch traurig! Mhmja, was wird der BND dazu sagen?! Was wird der BND dazu sagen?

[E.:] Du hast ein gutes Herz, Rousseau würde dich mögen.
[M. T.:] Danke, Herr Egregant! Ich fühle mich geschmeichelt, wirklich! Ich wünschte, dass nicht nur ich so ein gutes Herz hätte/hab… Ich wünschte, mehrere Leute würden so ein Herz haben wie ich, sage ich mal. Ich bin jetzt kein arroganter oder egoistischer oder selbstüberzeugter Mensch, aber ich denke, dass ich ein guter Mensch bin! Und viele Leute erkennen das nicht… Herr Egregant hat’s erkannt, Herr Egregant ist ein sehr intellektueller Mensch, von daher fühle ich mich geschmeichelt und kann das alles nur zurückgeben, Herr Egregant, ja!

[E.:] Wie stellst du dir eine ideale Gesellschaft vor?
[M. T.:] Eine ideale Gesellschaft? Kann ich Ihnen was zu sagen! Ich kann mir keine ideale Gesellschaft vorstellen, weil es immer Menschen geben wird, die diese ideale Gesellschaft nicht so haben wollen! Und genau aus dem Grund wird es keine ideale Gesellschaft geben! Und von daher kann ich mir die auch nicht vorstellen… Das wird alles nie passieren!
Ich muss sagen, ich bin glücklich, dass unsere Gesellschaft zur Zeit noch so ist… ich mein‘, es kann schlimmer sein, definitiv, aber die Welt ist immer noch schlecht und die gesellschaftlichen Situationen auch und von daher bin ich da ziemlich… Die Hoffnung auf eine ideale Gesellschaft liegt bei mir ziemlich bei Null!

[E.:] Du denkst ähnlich wie Schopenhauer, die Lektüre seiner Werke könnte sich für dich lohnen!
[M. T.:] Schopenhauer… Okay. Ich muss sagen, Herr Egregant, ich bin in der Literatur nicht so aktiv, von daher mit dem Bücherlesen ist das schon etwas schwieriger bei mir, aber ich kann’s mir ja mal überlegen, ne?
Auf jeden Fall denke ich, dass es mit der Ausbeutung der Menschen an sich selbst nie aufhören wird: Im Gegenteil, ich denke sogar, dass es damit noch extremer werden wird! Politische Freiheit, Freiheit an sich wird sich in Zukunft rapide verändern…
Okay, ich denke diese philosophische Diskussion haben wir jetzt beendet! […]
Ich denke, dass diese Internetseite [YouNow] nichts für Sie [Egregantius] ist! (Im Chat wird sich über die philosophische Diskussion aufgeregt, eine YouNowerin scheint genervt zu sein.) Ich muss ganz ehrlich sein, so schlimm finde ich diese philosophischen Fragen nun auch nicht, ich mein‘ im Grunde sind das alles Themen, von denen wir beeinflusst werden, zum Beispiel die Frage mit der Gesellschaft: Unsere Gesellschaft ist so beeinflusst von anderen Menschen, dass wir selbst keine richtige Gesellschaft aufbauen können, verstehst du? Und das denke ich, das widerspricht sich so, weil ich mein‘ jeder Mensch hat seine Freiheit, seine Rechte und seine Meinungsfreiheit und alles Mögliche und es wird halt alles irgendwie so beeinflusst durch andere Leute wie Politiker und durch Medien und alles und das ist halt nicht so schön. Und die Menschheit ist scheiße, das musst du (die scheinbar desinteressierte YouNowerin) zugeben, ganz ehrlich?! Da kannst du mir doch zustimmen und da kannst du dem Herrn Egregant auch zustimmen, dass die Menschheit scheiße ist?! Und es ist nunmal die Wahrheit und mit diesen Wahrheiten muss man leben… Aber naja! […] Okay, Alysha (die desinteressierte YouNowerin) hat Recht, wir haben hier eine Zwickmühle: Wir wissen alle nicht mehr weiter! Also, Herr Egregant, da muss ich leider der Alysha zustimmen und ich würde Sie bitten, dass Sie manchen Leuten diese philosophischen […] (M. T. spielt am Computer generierte Lärmgeräusche ein)

[E.:] In unserer Zeit wird noch viel zu wenig philosophiert…
[M. T.:] Herr Egregant, da muss ich Ihnen auch zustimmen, in unserer Zeit wird viel zu wenig philosophiert, aber ich denke, das ist auch gut so, weil viele Menschen erstens nicht genug Grips dafür haben und zweitens, weil diese Menschen manipuliert werden! Diese Menschen sind fucking nochmal beeinflusst durch alles Mögliche, durch Medien, durch Politiker, einfach durch alles, dass sie sich keine einzige, keine eigene Meinung und keine eigenen Ansichten bilden können auf Themen wie zum Beispiel Terror, Religion und von daher ist es alles zu schwierig heutzutage… (lacht) Und ich denke, wir hören jetzt ein bisschen auf, weil Alysha – glaube ich – keinen Bock mehr hat, und deshalb beende ich jetzt erst einmal diese Philosophierunde. Ich beende sie jetzt hiermit und bedanke mich recht herzlich bei Ihnen, Herr Egregant! Und ich beende das jetzt mit einem… (abermals am Computer generiertes Lärmgeräusch). Okay, da bin ich wieder!

[E.:] […] Die nicht denken, werden die Schlächter von morgen sein.

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Zerstreute Nachgedanken zum Gespräch:

[M. T.] Ich denke, dass wir vom Niveau her über Berge unterschiedlich sind, aber ich denke, dass jeder philosophisch begabt ist. Aber man muss es auch zulassen, ja. […] Ich sag‘ Ihnen, Sie dürfen niemals zweifeln! Zweifel, also Selbstzweifel ist tödlich… Ein Zitat aus dem Film Equalizer. […] Das braucht man ja auch heutzutage, Drogen Alter, holy shit! […] Ich hätte lieber Philosophie nehmen sollen… Das ist viel besser und wesentlich interessanter. Ich meine: BWL, was habe ich mir dabei gedacht? […] Leute, denkt mal bitte: Ihr müsst alle mehr über philosophische Dinge nachdenken, ohne Spaß! Diese Dinge geben euch so ‘nen klaren Kopf, wenn ihr darüber nachdenkt und es macht Spaß!

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