Über Selbstironie

von Egregantius

Wir lebten einmal in einer schamhafteren Zeit, in der ein Mensch, der von sich selbst peinlich berührt wurde, zunächst in einer selbstreflektierten Haltung den Versuch unternahm, einen gesunden Abstand zu sich einzunehmen, der ihm dazu verhelfen sollte, sich selbst besser in den Blick bekommen zu können. Nun geht die Tendenz heute immer mehr dahin, dass jemand, der peinlich von sich selbst berührt wird, sich oft sogleich in einer nicht ernstzunehmenden Weise selbst ironisieren muss und damit den Versuch unternimmt, sich selbst zu übergehen, um einem Problem an und mit sich im Augenblick auf die sanfte Tour ausweichen zu können. Nicht wenige sich selbst Überspielende gefallen sich in ihrer Selbstironie tragischerweise zu sehr, ohne dabei erkennen zu können (oder zu wollen), dass ihre Selbstironie eigentlich nur eine unstatthafte Ausflucht darstellt. Sie können oder wollen sich nicht in der Selbstkonfrontation mit sich auseinandersetzen und betreiben stattdessen in einem uneigentlichen Verhältnis zu sich selbst einen ernstlosen Spaß, der keine tiefere Bedeutung hat und lediglich eine leicht durchschaubare Verkehrung oder Übertreibung ihrer realen Verhaltensweisen darstellt. Da wundert es nicht, dass übermäßige Selbstironiker irgendwann an einem Punkt angelangen, an dem sie sich dann doch sehr über sich selbst wundern müssen (wenn sie nicht schon zu weit heruntergekommen sind und nur noch blödeln und witzeln können), weil sie sich selbst nicht mehr verstehen können. Woran liegt‘s? Nun, in erster Linie wohl daran, dass sie aufgrund ihrer immerwährenden spaßhaften, unernsten Selbstironie nie ein Selbst aus sich heraus entwickeln konnten, weil sie zu feige waren, mit sich hart ins Gericht zu gehen, wenn es angebracht oder zumindest wünschenswert gewesen wäre.

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