Über die Wahl der Lektüre

von Egregantius

Ich habe heute einen anregenden Twitter-Chat mit einem Freund der Literatur geführt. Im Verlaufe unseres Chats hat er mir einige interessante Fragen gestellt, darunter auch die folgende:

Verrate mir eins: Wie steigerst du dein Lesepensum?

Diese Frage stellte er mir, weil er den Eindruck hat, dass ich „sehr viel und häufig“ lese. Da es vielleicht den einen oder anderen treuen Blogleser interessieren könnte, möchte ich meine Antwort auf diese Frage an dieser Stelle gerne in aller Ausführlichkeit wiedergeben:

Ich denke, dass es nicht darauf ankommt, möglichst viel zu lesen, sondern das zu lesen, was einem selbst auch etwas eingeben kann. Mit der Zeit habe ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, welche Autoren und Bücher mir in gewissen Zuständen der Gestimmtheit förderlich sind. Es ist so, dass manche Bücher einem nichts nützen, wenn man sie nicht zum rechten Zeitpunkt liest. Um für sich herauszufinden, ob man den Bezug zu einer Literatur herstellen kann, muss man natürlich zunächst einmal die Augen für möglichst viele charakteristische Autoren und Bücher offenhalten und sich aus selektiver Lektüre einen Geschmack für die Literatur erarbeiten. Dazu ist es hilfreich, sich an Kanons oder Literaturlisten zu orientieren und erst einmal das zu lesen, was gemeinhin als große Literatur angesehen wird. Alles andere wäre Zeitverschwendung. Mit der Zeit entwickelt man seine Vorlieben, entdeckt Lieblingsautoren, wagt den Blick über den Tellerrand hinaus – und macht so seine Entdeckungen. Norbert Bolz hat in seinem Buch Das richtige Leben gute Worte dafür gefunden, inwieweit wir einen Kanon der Literatur für uns nutzbar machen können: „Der Kanon ist eine Leiter, die man wegwerfen kann, nachdem man sie erklommen hat, aber eben auch erst wegwerfen sollte, wenn man hinaufgestiegen ist.“ Steige also hinauf, und du wirst sehen, wohin dein Blick ausschweifen wird! Denn die Literatur ist nicht dazu da, um an dich herangetragen und als ein Pensum von dir abgearbeitet zu werden, damit du irgendwann gebildet bist (oder es auch nur zu sein scheinst). Es sollte dir in deinem eigenen Interesse vielmehr darum zu tun sein, mit den Jahren die Autoren und Bücher herauszufinden, die dir immer wieder etwas Neues eingeben können, weil sie dir gemäß sind und das zum Ausdruck zu bringen vermögen, was dir wichtig ist.

Advertisements