Ein Brief an Hafiz Eskalani – Was ist Wahrheit?

von Egregantius

Werter Hafiz Eskalani,

was ist Wahrheit? Ich kann das, was wahr genannt wird, nur hinnehmend aufnehmen, oder aus Gründen, die von mir mithilfe der Vernunft erschlossen werden müssen, ablehnen. Vor der Ergreifung durch mich verwahrt die Wahrheit sich. Wenn sie sich einstellt, habe ich zunächst keinen Anteil an ihr und kann nur den Versuch unternehmen, sie mit meinen Sinnen und mit meiner Vernunft auf meine Art aufzunehmen und zu verinnerlichen. Ich kann auf die Wahrheit also nur hinarbeiten und mir durch diverse Verknüpfungsleistungen meine Wahrheiten im Vorgang des Erkennens selbst schaffen. Diese selbstgeschaffenen Wahrheiten konstituieren wiederum einen beträchtlichen Teil meiner Weltwahrnehmung, die sich in einem stetigen, aktiven Wandlungsprozess befindet und darum keine objektive Grundlage für mein Erkennen darstellen kann, weil ich meiner Vorprägung durch vorangegangene Denkprozesse letztendlich immer unterliegen muss. Wir können also die eine Wahrheit in ihrem vollen Ausmaß wohl nicht erkennen, aber wir können uns immerhin darüber bewusst werden, dass wir uns im Laufe der Jahre alle möglichen Wahrheiten einverleiben: Dabei wird so manches glücklicherweise auch wieder verdrängt, ausgeschieden und umgeformt, manche Wahrheiten entwickeln allerdings auch ein Eigenleben und wollen krebsartig wieder aus uns und über uns hinauswachsen.

Aber wie dem auch sei: Wahrheiten sind bei der Ausformung unserer Charakterstruktur nicht unbeteiligt, aus diesem Grunde nehmen sich manche unbeteiligte Außenstehende auch öfter mal die Frechheit heraus und glauben aus den Wahrheiten, die wir in uns aufgenommen haben, die Irrtümer und Ungereimtheiten klar erkennen zu können, die uns zu eigen sind.

Bester Gruß
Bruder Egregantius

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