Egregantius Briefe an Gideon (1) – Über das Glück

von Egregantius

Werter Gideon,

du fragst mich, was Glück ist. Ohne dir zu sehr schmeicheln zu wollen, möchte ich dir an dieser Stelle versichern, dass ich augenblicklich Glück empfinde, weil du in mir ein inneres Bedürfnis geweckt hast, der Frage nach dem Glück einmal mehr auf den Grund zu gehen. Ich muss dich allerdings im Vorhinein bereits ein Stückweit enttäuschen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir wohl nicht gelingen wird, eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Glück in diesem Brief zu geben, obwohl ich selbstverständlich alles daran setzen werde, das Glück in seiner maßgeblichen Bedeutung für unser Leben zu begreifen. Allerdings geht es mir auch nicht darum, das Glück ein für alle Mal festzustellen, in eine Form zu gießen, von jedwedem konkreten Lebensbezug abzukoppeln und es vor deinen Augen zur allein seligmachenden Betrachtung als ein erreichbares Ziel darzustellen. Aus diesen Zeilen wirst du ersehen können, dass ich nichts davon halte, wenn Menschen den Versuch unternehmen, das Glück als einen ideal-statischen Zustand zu erlangen, indem sie Handlungen unternehmen, die ihnen dazu verhelfen sollen, ihr persönliches Lebensglück in einem konkreten Erlebnis oder Ereignis zu erreichen. Das Glück ist in meinen Augen etwas, das als ein solches erst dann seinen Namen verdient, wenn es nicht nur punktuell auf einen Anreiz hin zum Ausdruck kommt (um im stetigen Wechselspiel mit der Langeweile immer wieder verdrängt und aufgereizt zu werden), sondern in einem stetigen Mitschwingen im wachen Bewusstsein erfahren wird. Ich selbst begreife das Glück also in erster Linie als etwas uns Zu-Gehöriges, das nicht erstrebt, sondern im Augenblick gelebt werden kann. Unschwer wirst du erkennen können, dass das Glück für mich im gegenwärtigen Zustand nur im Denken an das Glück zu finden ist. Ich tue momentan nichts anderes, lasse mich von nichts und niemandem ablenken und verfolge nur meinen Gedankengang, von dem ich noch nicht wissen kann, wohin er mich führen wird.

Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle ins Gedächtnis rufen, dass das Glück (das wir im Übrigen selbstverständlich von der bloßen Lust unterscheiden müssen!) in der Philosophie wohl immer schon einen schweren Stand hatte. Zwar priesen Philosophen wie Plutarch das Glück des philosophischen Erkennens mit Sätzen wie „Vertraue dich der Philosophie an, und du wirst nicht ohne Annehmlichkeiten sein, sondern Du wirst lernen, jederzeit und in allen Lagen glücklich zu leben.“, aber der Grundtonus scheint doch eher der zu sein, dass Glück als Illusion empfunden wird: So hielt Francis Bacon es für eine Erfindung und Julien Offray de La Mettrie empfahl Unglücklichen bereits im 18. Jahrhundert Drogen, da diese wenigstens die Illusion des Glücks vermitteln würden. Davon abgesehen ließ sich Nietzsche zu der Bemerkung hinreißen: „Fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn.“ Sicherlich gibt es auch eine Form von blödelnder Stumpfsinnigkeit, die – zumindest von außen besehen – wie Glück aussehen mag; aber Glück zeichnet sich in meinen Augen durch eine stetig aufmerkende Bewusstheit aus, die intellektuell weder dämpfen noch niederdrücken muss (von Oswald Spengler gibt es diesbezüglich den Satz: „Tiefes Glück ist Gegenwart ohne Denken.“), damit also das ausmacht, was ich unter Glück verstehe und ebendarum von mir auch nicht als bloße „Illusion“ abgetan werden kann. An dieser Stelle schließe ich diesen Brief gerne ab und nehme meinen noch verbleibenden Schwung hinüber, weil ich in freudiger Erwartung das aufzunehmen gedenke, was du zu dieser Thematik beisteuern wirst. An deinem Brief werde ich absehen, was mir zu diesem Thema noch zu schreiben verbleibt.

Beste Grüße
Egregantius

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