Egregantius Briefe an Stephanus (4) – Über die Leidenschaft des Denkens

von Egregantius

Werter Stephanus,

ich glaube, dass du in deinem letzten Brief das darlegen konntest, was dir zum Thema Askese wichtig erschien. Ich kann und will dem nicht allzu viel hinzufügen, auch weil ich zu erkennen glaube, dass es dich mürbe machen würde, in einem neuen Brief noch einmal auf ebendieses Thema zurückgeworfen zu werden. Du willst im eigenständigen Denken schreibend voranschreiten und auch mir geht es letzten Endes darum, meine Gedanken aus mir quellfrisch hervorsprudeln zu lassen, ohne leichtfertigerweise meinen Quellhort der Inspiration dadurch zum Versiegen zu bringen, indem ich den vergeblichen Versuch unternehmen wollte, das frische und belebende Denkwasser gleich in danaidische Fässer abzufüllen, um mich daran zu einem späteren Zeitpunkt erlaben zu können.

Tatsächlich haben wir in unseren Briefen die Möglichkeit, ein Stückweit im Denken zu verweilen und das ausfindig zu machen, was unser eigentliches Anliegen sein muss. Das scheint mir auch eine Form der asketischen Einübung zu sein, eben nicht die zerstreuenden Anreize immer wieder von außen auf sich einwirken zu lassen, ohne dabei etwas für sich selbst verinnerlichen zu können, sondern einen gegebenen Anreiz – wie deinen letzten Brief – insoweit nutzbar zu machen, dass wir uns selbst keinen Vorwurf machen müssen, unsere wertvolle Lebenszeit mit unnützen Dingen verschwendet zu haben. Wenn wir unsere naturgegebene Leidenschaftlichkeit immer wieder darauf konzentrieren könnten, einen inspirierenden Gedanken bis ins Letzte auszuformen, wäre möglicherweise nicht nur für unser eigenes Leben etwas gewonnen, sondern auch für die Nachwelt, sofern wir den Versuch unternehmen wollten, unsere anhaltende Denkintensität in Schriftform zu bewahren. Insofern ist die Leidenschaft also nichts Schlechtes, im Gegenteil: Ohne sie hätten wir ja schließlich noch nicht einmal den Anreiz dafür, überhaupt irgendetwas zu tun, was in unseren Augen eine sinnhafte Beschäftigung sein kann. Die Leidenschaften also vollkommen einzudämmen, scheint mir für den Denkenden kein gangbarer Weg zu sein, weil dies letzten Endes eher zu träger Denkfaulheit und Behäbigkeit führt. Ich würde dir also darin zustimmen, wenn du schreibst, dass diese radikale Beschneidung eher eine Form der Schwächung darstellt.

Du schreibst, dass du im Denken alles gibst, ja du schreibst sogar: „Für mich ist das Denken Genuss.“, oder auch „Ich bin im Denken zu Hause.“ Aber gleichzeitig glaubst du auch, das rechte Maß in manchen Bereichen noch nicht gefunden zu haben. Ich würde dir darauf hin erwidern wollen, dass du allein schon mit dem Denken eine maßgebliche Entscheidung getroffen hast, die durch keine Aristotelische Feinsinnigkeit getrübt werden kann: Ein Mensch, dem nur am beschaulichen rechten Maß gelegen ist, sollte durch das Denken erst einmal aus der Ruhe gebracht werden! Wie kann ein Mensch denn noch Maß halten, wenn sich das Denken in ihm ereignet?! Für die Ausschweifungen, die angelegentlich mit dem Denken einhergehen können, wird sich kein Denker schämen müssen.

Im Übrigen kann es auch keine Schande für einen Denker sein, sich gelegentlich diversen Zerstreuungsmitteln zuzuwenden, wenn er weiß, worauf er sich einlässt und bestenfalls sogar einen Anreiz zum Denken aus seiner Zerstreuung ziehen kann. Sogenannte „Kulturgüter“ werden schließlich auch in erster Linie genossen und dann vielleicht im Nachgang zur Betrachtung herangezogen. Es wäre auch der falsche Ansatz, sich im Vorhinein bereits hochtrabende Gedanken darüber machen zu wollen, inwieweit dieses oder jenes Zerstreuungsgut mich selbst in meinem Denken überhaupt voranbringen kann. Man muss eben auch manchmal dazu bereit sein, sich für das eine oder andere zu öffnen, um dieses oder jenes dann aber auch in seiner Augenblicklichkeit vollkommen auf sich einwirken zu lassen.

Selbstverständlich gibt es kein notwendiges Gut, das ein Mensch unbedingt konsumieren müsste, wenn nur seine lebensnotwendigen Bedürfnisse gestillt sind. Aber was eben darüber hinausgeht und als Gut in der Menschenwelt Bestand hat, macht zu einem Großteil auch die Kultur des Menschen aus. Was der einzelne Mensch mit diesen Gütern anfängt, bleibt letztendlich ihm selbst überlassen, aber der Denker wird sicherlich nicht die Güter zu schätzen wissen, von denen er als Mensch vereinnahmt und weitestgehend zufriedengestellt wird, sondern er wird die Dinge bevorzugen, aus denen er selbst etwas Produktives schöpfen kann. Goethe schrieb einmal in einem Brief an Schiller folgenden bemerkenswerten Satz, mit dem ich diesen Brief vorzeitig, aber nicht zur Unzeit abschließen möchte: „Uebrigens ist mir alles verhaßt was mich blos belehrt, ohne meine Thätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.“

Beste Grüße
Egregantius

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