Egregantius Briefe an Stephanus (3) – Über Askese

von Egregantius

Werter Stephanus,

ich verstehe deinen letzten Brief bereits als eine Form der asketischen Einübung, womit wir auch schon bei unserem Thema wären. Hegel schrieb einmal im Rückgriff auf Goethe: „Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen.“ Asketen verstehen sich auf diese Kunst.

Wie dir bekannt sein wird, pries Schopenhauer das asketische Lebensideal in seinen Werken nicht nur in philosophischer Hinsicht als folgerichtigste Reaktion auf die fundamentale Einsicht in den Weltlauf an, sondern bewies uns auch durch seine eigene Lebensführung, dass er die Askese bei anderen nicht nur nachvollziehen, sondern ein Stückweit auch selbst nacherleben konnte. Pascals Asketismus, der aus seinem Christentum resultierte, ist dir in seiner Radikalität ebenfalls wohlbekannt, weshalb ich in diesem Brief auf diese Form der Askese nicht näher eingehen werde (und die Askese aus auferlegtem Zwang, bzw. autoritätshöriger Gehorsamkeit an dieser Stelle auch einmal außen vor lasse).

Ich selbst würde von mir behaupten, zwar durchaus enthaltsam und sparsam (vergleichbar vielleicht mit Schopenhauer), aber keineswegs asketisch zu leben. Um wahrhaft asketisch leben zu können, sind nicht nur strenge Disziplin und Charakterfestigkeit vonnöten, sondern auch eine bemerkenswerte körperliche Konstitution, die wohl auch erst einmal allmählich antrainiert werden muss, damit die freiwillige und selbstgewählte Askese halbwegs unbeschadet durchgestanden werden kann. Ich glaube kaum, dass man die echte Askese, die diesen Namen verdient, einfach so leben kann, sondern gehe davon aus, dass man sich ganz bewusst dazu entscheiden muss. Denn durch die Askese werden einem nicht nur gewisse Beschränkungen auferlegt, sondern es müssen in der asketischen Lebensführung auch wahrhaft entbehrungsreiche körperliche und psychische Leiden ertragen werden.

Nun stellt sich die Frage, warum sich manche Menschen diesen selbstgewählten Beschränkungen überhaupt unterwerfen wollen: Ich denke, dass die Gründe für diesen radikalen Schritt so vielfältig sind, dass es vertane Liebesmühe wäre, darüber in diesem Brief zu spekulieren. Ich gehe allerdings davon aus, dass das wichtigste und allgemeinste Motiv, das aus dieser Entscheidung herausgelesen werden kann, das Bestreben ist, eine radikale Veränderung, einen radikalen Bruch herbeizuführen, der mit einem bestimmten Bewusstseinswandel verknüpft sein muss: Um es mit Schopenhauer auslegen zu wollen, haben wir es hierbei wohl mit einer völligen Umkehrung des Willens zu tun. Von Nietzsche gibt es in diesem Zusammenhang den bemerkenswerten Satz: „Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen.“

Soweit dieser eher sachlich orientierte, erläuternde Brief. Da dir diese Thematik scheinbar sehr am Herzen liegt, gehe ich davon aus, dass du in deinem Brief an mich wohl noch das eine oder andere beizusteuern weißt, worauf ich dann nach dessen Erhalt gerne eingehen werde, soweit es mir möglich sein wird.

Einmal mehr mit bestem Gruß,
Bruder Egregantius

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