Egregantius Briefe an Stephanus (2) – Über Sprache

von Egregantius

Werter Stephanus,

Worte, die in mir etwas aufwerfen, habe ich – seit ich denken kann – immer höher geschätzt, als klar umrissene Antworten, mit denen sich in aller Zufriedenheit abgegeben werden soll. Ein Wort kann intensivere Fragen aufwerfen, als mehrdeutige Antworten sie jemals hervorrufen könnten. Manchmal fehlen uns die Worte, wenn wir uns ihrer bedienen wollen, nur um sie zu einem späteren Zeitpunkt doch noch in aller Deutlichkeit finden zu können: Unser Denken offenbart uns in solchen aufschlussreichen Momenten, mit welcher Vorsicht – und damit einhergehender Zögerlichkeit – wir die Worte oft erst unbewusst lange Zeit in uns wägen und herumtragen müssen, bevor wir überhaupt erst dazu bereit sind, etwas mit ihrer Hilfe zum Ausdruck zu bringen.

Wir dürfen dabei allerdings nicht den Fehler begehen und das Wort in seiner festgestellten Bedeutung überschätzen, Lichtenberg schreibt: „Das Wort soll keine Definition sein, sondern ein bloßes Zeichen für die Definition, die immer das veränderliche Resultat des gesamten Fleißes der Forscher ist“. Das Wort schließt also das Denken nicht von vorneherein ab, sondern ist zuallererst dessen Ausgangspunkt. „Das Wort kann doch nicht alles enthalten und also muss ich doch die Sache noch besonders kennen lernen.“, schreibt Lichtenberg weiter.

Ich habe einmal den Satz notiert (und auch zur Publikation freigegeben): „Wer sich verständigt, umreißt mit Worten das unschöne Muster der Sprachlosigkeit.“ Wir werden sprachlos geboren und müssen uns im Verlaufe unseres Lebens darum bemühen, mustergültige Verständigungsmöglichkeiten in der Auseinandersetzung mit anderen zu erfahren und zu einem großen Teil auch neu zu erfinden. Unser Leben ist ohne Sprache nicht denkbar, weil wir uns ohne sie niemals erfahren könnten, selbst dann nicht, wenn wir als handelnde Wesen in irgendeiner Art und Weise zusammen bestehen würden.

Ich möchte den Brief an dieser Stelle gerne abschließen, weil ich dich gerne zu Wort kommen lassen will. Ich bin mir dessen bewusst, dass in diesem Brief vieles nicht geschrieben wurde, was hätte geschrieben werden können, aber ich wollte an dieser Stelle nicht mehr schreiben, als mir notwendig erschien: Im Übrigen kannst du aus diesem Brief ersehen, dass eine gewisse Wortkargheit manchmal eine größere Kluft aufreißen kann, als das Schweigen – oder ein zu lang geratener Brief.

Mit bestem Gruß,
Egregantius

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