Egregantius Briefe an Stephanus (1) – Über Offenheit

von Egregantius

Werter Stephanus,

ich glaube kaum, dass es uns in erster Linie darum gehen sollte, über „einzelne Philosophen und deren Ausrichtung“ zu schreiben: Das ist mit Sicherheit nicht das Hauptthema, das uns beiden mit unserem Briefaustausch am Herzen liegt. Auch wenn wir den Versuch unternehmen wollten, über andere Philosophen zu referieren, würden wir wohl letztendlich doch nur auf uns selbst rekurrieren, selbst dann, wenn wir dies bewusst zu vermeiden suchten. Es führt also kein Weg an uns vorbei, wir müssen Stellung beziehen und den Mut dazu aufbringen, uns auf uns selbst einzulassen: Was selbstverständlich nicht zwangsläufig zu bedeuten hat, dass wir gleich harte Geschütze gegeneinander auffahren und kampfeslustig ein Gedankenkrieg eingeleitet wird, den wir bis zum bitteren Ende durchfechten müssten. Insofern kann es uns nur zu Gute kommen, wenn wir uns immer wieder in der Besinnlichkeit darauf zu beschränken versuchen, klar und konzis das zu umreißen, was uns wichtig ist und wovon wir glauben, dass auch der Andere daraus neue Denkanstöße schöpfen kann.

Du fragst mich nun nach unserem „Denkort der Begegnung“, worauf ich dir entgegnen möchte, dass ich es langweilig fände, mich prinzipiell auf einen Ort festzulegen zu wollen, der als immer gleicher Ort der Begegnung fungieren sollte. Selbst wenn sich der Eine in Paris, der Andere in London aufhält: Wir werden uns schreibend zu finden wissen. Wir werden die Worte des Anderen aufgreifen und uns – in aller Offenheit – das herausnehmen wollen, was wir darin zu finden glauben. Wir werden uns mit jedem Brief einer gegenseitigen Prüfung unterziehen, ohne uns dabei ängstlich oder angespannt wie vor einer Prüfungskommission vorkommen zu müssen, weil es uns nicht darum gehen kann, die richtigen Antworten auf belanglose Fragen zu geben, sondern wir uns darauf verstehen wollen, die richtigen Fragen auf letztendlich kaum Beantwortbares zu stellen.

Wenn du glaubst, mir die Möglichkeit bieten zu müssen, meine „Gedanken ganz aufschließen zu können, nichts zurückbehalten zu müssen“, vergisst du, dass es uns eben nicht darum gehen kann, mit einem Male alles von uns loszuwerden, was tief in uns schlummert, nein, es sollte uns immer um die Auseinandersetzung mit dem Anderen in der augenblicklichen Empfindung zu tun sein. Es wäre verfehlt, mit einem festen Vorsatz einen Brief schreiben zu wollen und im Vorhinein schon einen genauen Plan davon zu haben, was man in ebendiesem Brief zum Ausdruck bringen will. Wer – wenn nicht du! – weiß, was der Augenblick in seiner Offenheit gewähren kann?

Die Fragen „Wie ist deine Herangehensweise an Bücher? Wie findest du deine Bücher? Liest du zielorientiert, suchst dir themenbezogene Bücher heraus oder orientierst du dich an den bekannten Namen?“ werde ich dir nicht eindeutig beantworten können. Manchmal schnappe ich Zitate aus guten Büchern auf und setze dann alles daran, diese Bücher auch in ihrer Vollständigkeit lesen zu können, manchmal beschäftigt mich auch ein Thema so sehr, dass ich recherchiere, ob es bereits bedeutende Werke gibt, die sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, dann wiederum stoße ich ganz zufällig auf dieses oder jenes Buch in der Universitätsbibliothek, oder der unausgesprochene Kanon der Philosophie treibt mich dahin, weitere Werke eines „klassischen“ Philosophen zu lesen.

Abschließend möchte ich dir versichern, dass wir uns zweifelsfrei auch weiterhin denkend begegnen werden, wir sollten jedoch keineswegs darauf verfallen, uns Fragen aus den Fingern zu saugen, wenn wir es versäumt haben, die Aufmerksamkeit unserer Ohren auf die Zwischentöne in den Briefen des jeweiligen Anderen zu richten. Denn nur anhand dieser Zwischentöne lässt sich auch das Thema des nächsten zu schreibenden Briefes zumindest erahnen, wenn auch nicht in aller Konkretheit bestimmen. Das scheint mir eben die Kunst des Briefelesens zu sein, das aufmerksam aufzugreifen, was dem Anderen ein inneres Bedürfnis sein muss, auch wenn er es nicht explizit zum Ausdruck bringen kann: In diesem Sinne bleibe ich fraglos aufgeschlossen.

Beste Grüße
Egregantius

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