Über die Gesellschaft

von Egregantius

„Die Geistesträgen tragen die Gesellschaft, die Geistigen ertragen sie kaum.“ (Segregierende Egregationen, [2011], S. 37)

Ich habe mich dazu hinreißen lassen, einen älteren Aphorismus von mir etwas weiter auszuformen und damit wohl oder übel auch billigend in Kauf nehmen zu müssen, ihn mit diesem Gewaltakt (der ja eigentlich eine unentschuldbare Versündigung am Aphorismus darstellt!) in seiner impliziten Bedeutung stark herunterzubrechen und vielleicht sogar allen Reizes zu benehmen, nur um ihn für meine neueren Zwecke zurechtstutzen und auslegen zu können:

Den Geistesträgen – also denjenigen, die immerhin den Großteil der wichtigsten und arbeitsreichsten Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen – fehlt in der Regel zum Glück der große Blick für die anderen Trägen, für die sie auch indirekt mitarbeiten müssen, um eben jene Gesellschaft (die an sich ja – zumindest prinzipiell! – nichts schlechtes ist) erhalten zu können: Denn sie arbeiten in erster Linie nur um ihrer selbst willen (also aus egoistischem Eigeninteresse heraus), um sich selbst versorgen zu können und nicht für die anderen, mit denen sie ja auch – wie gesagt – zu ihrem Glück noch keine größere Bekanntschaft machen mussten[1]: Die Arbeit für und an der Gesellschaft ist also allenfalls zweitrangiges Beiwerk bei den Geistesträgen.

Die Geistigen haben dagegen zwar in langwieriger Geistesarbeit auch den Blick für die Gesellschaft bekommen, aber eben darum können sie sie noch nicht einmal ertragen: Sie hängt ihnen in ihrer belanglosen und vermengten Dumpfheit mittlerweile einfach zum Halse heraus und sie wissen noch nicht einmal, warum sie sich überhaupt die Mühe machen, sich für diese Gesellschaft in geistiger Hinsicht abzumartern, wenn sie in der Vergangenheit immer wieder erfahren mussten, dass ihre denkerische Arbeit höchstens achselzuckend zur Kenntnis genommen wird und man sich noch nicht einmal schuldig fühlt, ihnen den geringsten Dankeserweis für ihre Ideen – die ja immerhin auch für die Gesellschaft interessant sein könnten! – zu bezeigen. Sie haben nach anfänglichem Engagement im Laufe der Jahre alle Kraft verloren, der Gesellschaft mehr mit Rat als Tat beiseite zu stehen und müssen sich nun damit begnügen, der Gesellschaft gefällig zu sein, indem sie zumindest den Anschein des guten Arbeitswillens erkennen lassen und sich mit den Geistesträgen vermengen, um nun auch deren praktischere Arbeiten bereitwillig zu übernehmen. Es ist also nicht nur denkbar, dass die Geistigen weder die Gesellschaft noch die Geistesträgen kaum ertragen, wie es im Aphorismus gedeutet werden kann, sondern auch so auslegbar, dass die Geistigen mit ihren Geistesarbeiten von den Geistesträgen einfach nicht ertragen werden.

[1] Falls sie übrigens doch im Laufe der Jahre mit sehr vielen anderen Geistesträgen in Kontakt gekommen sein sollten, weil sie z. B. als Karrieristen in höhere Positionen gelangt sind, besteht zumindest die Möglichkeit der Weiterentwicklung zu schlechtgelaunten Zynikern, dann nämlich, wenn sie über ein wenig mehr Geist als ihre Untergebenen verfügen.

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