Warum ich mich auf Twitter eingelassen habe

von Egregantius

Es gibt Menschen, die nicht verstehen können, warum ich mich auf Twitter eingelassen habe. Sie halten Twitter für einen Ort, an dem sich geistig Minderbemittelte schlechte Witze erzählen, an dem Prominente Belangloses aus ihrem Alltag zum Besten geben, oder an dem Marketingleute versuchen, einem irgendetwas anzudrehen. Jenen sei gesagt, dass sie Recht haben und dass es tatsächlich viel Quatsch und Unsinn bei Twitter gibt. Aber wenn man einen tieferen Blick unter die Oberfläche von Twitter wirft, entdeckt man auch Twitternutzer, die es wert sind, dass man ihnen folgt. Zugestanden, es erfordert viel Zeit und Geduld jene zu finden, für deren Inhalte man sich interessiert. Man weiß ja auch nie von vorneherein, worauf man sich eigentlich einlässt, wenn man anfängt, jemandem zu folgen. Denn die Tweets, die man künftig in der eigenen Timeline lesen wird, kann man nicht absehen und a priori erfassen. Doch man kann manchmal anhand der Gestimmtheit eines Twitterers erahnen, wohin die Reise gehen wird und die Freude ist umso größer, wenn man sich gerne und bereitwillig dazu durchringen kann, einen Teil des Weges mit diesen oder jenen Menschen zusammen zu gehen. Die lebensphilosophischen Ausführungen, in denen man sich als wandernder Galan ergeht, werden von jenen begleitet und diese Wahlverwandtschaften sind es, die uns helfen, unser eigenes Selbst besser kennenzulernen. Es gibt tatsächlich Tweets, die mich in meiner Jemeinigkeit berührt und ergriffen haben und auch, wenn ich weiß, dass ich die meiste Zeit bei Twitter wohl damit zugebracht habe, unliebsame Bots zu blocken und als Spam zu markieren, so bin ich doch dankbar für diese wenigen Tweets, die etwas in mir ausgelöst haben, die ein Ventil in mir geöffnet haben für geistige Anregungen, oder gar einen echten Gedanken, der des Nachdenkens wert wurde. Um auch andere an einigen dieser für mich bewusstseinserweiternden Tweets teilhaben zu lassen, hier einiges aus meiner kleinen Twitter-Aphorismensammlung:

Je länger man sich Gedanken macht, desto mehr machen einen die Gedanken.
@Agent_Dexter

Interpretationen erreichen Stellen, da kommt die Intention niemals hin.
@annelinja

Um berührt zu werden, muss man sich angreifbar machen.
@annelinja

Hat man seine Arglosigkeit verloren, muss man ’nen Charakter bilden.
@assenassenov

Träumen ist Nichtstun auf höchstem Niveau.
@charonsdead

Sobald du etwas behauptest, erleidest du unbewusst eine Niederlage.
@chresmos

Wenn jemand nicht bekommen kann, was er will, sorgt er mit einem Kompromiss dafür, dass es dem anderen genauso geht.
@chresmos

Wo du frei bist, da bist du gerne.
@dilDerman, Reply an mich am 6.7.2012

Was mich belehrt, belebt mich, und was mich nicht belebt, belehrt mich nicht.
@GregorBrand

für manche menschen hat man einfach nichts mehr übrig, weil sie schon zu viel genommen haben.
@ohaimareiki

Erst in der Resonanz des gestimmten Geistes wird die Präskriptur des Satzes zum Gedanken.
@PathosGalore

Großeltern. Benehmen sich ständig so, als ob sie sich bei dir für deine Eltern entschuldigen wollten.
@Poscoleri

Leute, die sich Dinge angucken und ab und an weggucken, damit sich Leute angucken, wie sie sich Dinge angucken… – Irgendwie überschaubar!
@pr1miTiv3

Im Sekundengerassel des Jetzt vernebeln die Stunden / Wer überblickt denn noch Tage bei diesem scheußlichen Lärm?
@Raventhird

immer dieselben sätze. man hat einen berechtigten grund, es anderen übel zu nehmen, wenn man nichts zu sagen hat.
@richterfrank

das genau und intensiv machen, was alle andere nur nebenbei erledigen. man muss nicht arrogant sein. introvertiert sein reicht aus.
@richterfrank

wie viele bücher liest man nicht mehr, bloss weil man sie sogleich erkennt.
@richterfrank

Wenn ich mich nicht überschätze, fühle ich mich von mir vernachlässigt.
@schriftsteller

Fremdes Glück macht mich neidisch, eigenes macht mich unerträglich.
@schriftsteller

Privatsphäre ist das Ergebnis gekonnten Schweigens.
@Semiose

Texte entstehen aus Gesprächen, die nicht geführt werden können.
@Semiose

Man muss mit sich rechnen, wenn man auch nicht auf sich zählen kann.
@toenz

Sanft backt die Abendsonne ein paar Erinnerungsreste für mich auf.
@toenz

Wörter umstellen den Sinn, während der Sinn die Wörter umstellt.
@toenz

Wer überlegt, unterliegt.
@toenz

Das Bewusstsein erzeugt eine Art Wirklichkeitsschaum dessen Gestaltlosigkeit das unreine Nichts beherbergt.
@toenz

Gardinengesiebte Blicke auf lauteres Sein.
@toenz

Der wunde Punkt am Ende des Satzes.
@toenz

Man vermutet unvermutete Hintergründe hinter unbegründeten Vermutungen.
@toenz

Sollte ich mal arbeitslos sein, werde ich es liebevoll als „Extravakanz“ umschreiben.
@UARRR

Wer die Hoffnung fahren lässt, sollte es sich nicht zu bequem machen auf dem Beifahrersitz.
@UteWeber

Ein guter Autor bricht ständig das Urheberrecht der unausgesprochenen Gedanken seiner Leser.
@UteWeber

Erziehung ist der Versuch, die Kinder auf das eigene Niveau herunterzuziehen.
@UteWeber

Das Ärgerliche am freien Willen ist, dass er mir immer vorschreibt, was ich zu tun habe.
@zeitweise

Was ist Solipsismus?“ „Das geht nur mich was an.“
@zeitweise

Die Mehrheit der Menschen hält sich für intelligenter als die Mehrheit der Menschen.
@zeitweise

Wer Probleme nicht ausstehen kann, versucht sie auszusitzen.
@zeitweise

Transparenz heißt eben auch, ertragen zu müssen, wie hässlich die Welt sein kann.
@zeitweise

„Tabus brechen“ – Neusprech für „Vorurteile bedienen“
@zeitweise

Wer nichts weiß, versteht die Welt nicht. Wer etwas weiß, versteht die Welt nicht mehr.
@zeitweise

Ein Werk ist in der Regel nach dem Tod des Urhebers für eine längere Zeitspanne geschützt als zu seinen Lebzeiten.
@zeitweise

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, Meinungsfreiheit sei ein guter Ersatz für Denken und Empathie.
@zeitweise

Advertisements